Die Befreiung in Staltach

45 Waggons der Deutschen Reichsbahn standen am 23. April 1945 auf dem Bahnhof Karlsfeld, um die noch arbeitsfähigen jüdischen Männer und die aus Geisenheim, Geislingen und Calw stammenden Frauen aus dem KZ-Außenlager Dachau-Allach in das Ötztal zu evakuieren.

Am 24. April 1945 bestiegen 944 Frauen aus dem O.T.-Lager Allach-Karlsfeld und etwa 1.700 Männer in Karlsfeld den Zug in Richtung Ötztal. 82 jüdische Frauen blieben im Lager zurück und wurden am 30. April 1945 dort von den Amerikanern befreit. 1) Der Zug bestand sowohl aus Personenwagen, teilweise geschlossenen sowie nach oben offenen mit Stacheldraht umkränzten Güterwagen, in denen pro Waggon 50 - 60 männliche Häftlinge stehend während der Fahrt Wind und Wetter ausgesetzt waren. 2) Zur Bewachung fuhren pro Waggon 2 SS-Männer mit. Der Zug stand zunächst drei Tage am Bahnhof Karlsfeld. Vor Abfahrt des Zuges wurden drei Tote Häftlinge aus dem Zug geborgen. Am 25. April 1945 Abends fuhr dieser Zug vom Bahnhof Karlsfeld über Emmering nach München, Schäftlarn, Icking, Wolfratshausen, Beuerberg, Bad Heilbrunn, Bichl, Penzberg, Staltach nach Iffeldorf und wieder nach Staltach zurück. 3) Immer wieder wurde die Fahrt des Zuges durch Tieffliegerangriffe der Amerikaner z. B. in Beuerberg unterbrochen. 

Über die Befreiung in Staltach berichtet Sarah Nirenberg: „Die Amerikaner kamen zu unserem Zug (...) Wir wussten nicht, was vor sich ging. Niemand sprach englisch, nur eine Frau. Wir sahen die Amerikaner kommen, konnten aber ihre Gesichter nicht sehen, sie waren ganz verdreckt, wir sahen nur die Augen und die Münder (...) Sie gaben uns zu verstehen, dass wir wegbleiben sollten, weil wir nicht sauber waren, voller Läuse. Sie hatten Angst vor uns. Dann sagte einer - ich glaube, er war Oberst oder hatte einen anderen hohen Rang - dass seine Eltern polnisch gesprochen haben, wenn er etwas nicht mitbekommen sollte. Er hat ein wenig polnisch gesprochen und sagte uns, dass der Krieg noch nicht aus sei und es viele Scharfschützen gäbe, dass wir in den Zug zurücksollten, am [nächsten] Morgen würden wir dann sehen. Also gingen wir in den Zug zurück und die Amerikaner haben auf uns aufgepasst.“ 3) 

Zelma Klein erzählte: Als die Amerikaner ankamen „sprang [die SS] vom Zug. In Sekundenschnelle warfen sie ihre Gewehre samt der Munition auf einen Haufen. Mit erhobenen Armen standen sie da, umringt von amerikanischem Militär. Es war ein unglaublicher, großartiger Anblick! Die Häftlinge schrien, lachten, weinten. (...) Einer unserer Männer, der fließend englisch sprach, zeigte auf den ehemaligen Führer des Lagers Allach [Jarolin].“ 4)  Und Esther Pelmann schilderte: „Ich habe einen amerikanischen Soldaten an der Hand genommen und wollte ihn zu unseren Bewachern, auch den Frauen, führen. Ich wollte eine davon verprügeln. Aber ich habe es doch nicht getan und sie nur angespuckt.“ 5)

_______________________________

1)
2) 
3)
4)
5)

Das Foto entstand in Waakirchen. Das Foto zeigt Josef Jarolin und Leonhard Mayer nach ihrer Festnahme in Staltach am 1. Mai 1945 in Waakirchen.

 

nach oben