Das Vorrücken der 7. US-Army in den Münchner 33. Stadtbezirk geschah von Norden her über drei Seiten:
- Dachauer Straße
- Feldmochinger Straße
- das „Vogelholz Richtung Ingolstädter Landstraße“. 1)
Nachdem die US-Army das KZ-Dachau am 29. April 1945 befreit hatte, bewegte sich der Teil der 222th „Rainbow-Division“ auf der Dachauer Straße in Richtung München. Ihr Vormarsch traf nur noch vereinzelt auf die Abwehr kleiner versprengter SS-Truppen. Östlich des KZ-Außenlagers befand sich die schwere Flakstellung Ludwigsfeld 1s/457 (1. Einheit, 4. Brigade), in der sich am 29. April 1945 Hitlerjungen verschanzt hatten. 2) Die Geschützwälle um die 8,8 cm Geschütze waren vorher abgetragen worden, um die Geschütze der Flakstellung Ludwigsfeld im „Endkampf“ gegen die vorrückenden US-Truppen und die KZ-Häftlinge einsetzen zu können. Ein Grossteil der KZ-Wachen des Außenlagers hatte sich schon vorher abgesetzt und das KZ mit etwa 9.500 verbliebenen Häftlingen sich selbst überlassen. Die „Befehlsgewalt“ im KZ-Außenlager war SS-Oberscharführer Steinke übergeben worden. Er forderte am Morgen des 29. April aus Dachau Verstärkung an. Darauf hin trafen etwa 30 ältere Wehrmachtsoldaten ein und übernahmen die Wachtürme. Kurze Zeit später kam eine weitere Abteilung junger SS-Männer an und bildete „weit draußen“ im Vorfeld des Lagers eine Postenkette. Die Flak-Besatzung hatte den Häftlingen noch zur Mittagszeit versprochen, ihre Stellung zu räumen, dieses Versprechen aber nicht gehalten. Im Lager selbst waren Rot-Kreuz-Fahnen und weisse Flaggen gehisst worden. 3)
Maria Tuskay aus dem Frauenlager erlebte die Situation so: „Abends um 8 Uhr sausten die ersten Granaten der amerikanischen Panzer durchs Lager. Die Batterie antwortete und so lagen wir mitten im Feuerbereich. Die Häftlinge schalten die Lagerbeleuchtung ein. Sofort hielt die SS Maschinengewehre aufs Lager und beschießen die Baracken. Wir müssen das Licht löschen.“ 4) Im Zuge dieser Kampfhandlungen kam es zu Granatentreffern im Frauenlager. Nach Häftlingsangaben wurden 23 Frauen verletzt und der jüdische Häftlingsarzt Dr. Molnar getötet, der gemeinsam mit Dr. Henry Laffitte und Dr. Bouitbien am Operationstisch stand. Danach wurde Dr. Molnar während der Operation tödlich am Kopf von einem Granatsplitter getroffen. Die anderen zwei Opfer sind unbekannt. 2) Noch in der Nacht wurden die Frauen im Lager in den SS-Bunker des geflohenen Wachpersonals evakuiert.
Nach Mitternacht war die Flakstellung niedergekämpft, die dort eingesetzten Hitlerjungen setzten sich in Richtung Feldmoching ab. Am Morgen des 30. April 1945 um 11:30 Uhr erreichten die ersten amerikanischen Soldaten das Lager und befreiten die dort verbliebenen Häftlinge. 5) Noch tags zuvor hatten SS-Soldaten etwa 700
deutsche KZ-Häftlinge Richtung Feldmoching getrieben. Als erster amerikanischer Kommandant des KZ-Außenlagers trat am 30. April 1945 1st Ltd. Charles C.
Snyder, Stellvertreter 1st Ltd. Brook von der 45 th. Division auf. 6) Bereits mit dem fluchtartigen Verlassen der SS-Bewacher am 26. April 1945 bildete sich im KZ-Außenlager ein 11-köpfiges internationales Lagerkomitee, das die Rechte und die Belange der Häftlinge gegenüber der US-Army vertreten sollte. Als „neuer“ Lagerältester wurde der ehemalige „Condorflieger“ Ferdinand Westerbarkey bestätigt. Hauptaufgabe des Komitees war, bis zum Eintreffen der Befreier die Verpflegung zu sichern und Racheakte der Häftlinge gegenüber den Deutschen zu unterbinden. 4)
Die US-Truppen trafen auf tausende Häftlinge, denen der Hungertod drohte. Als erste Maßnahme versuchten sie, die Versorgung der Häftlinge mit Lebensmitteln zu sichern und die Kranken im Lager zu versorgen. Als weitere Maßnahme mussten die im Lager zahlreich gestapelten Leichen beerdigt werden. 5) Die erste Notverpflegung aus der mitgeführten Verpflegung der US-Truppen führte bei vielen Häftlingen zu Durchfallerkrankungen. Zur weiteren „Notversorgung“ karrten US- Kampftruppen auf Lastwagen getötetes Vieh heran, das vorher in den umliegenden Wäldern gejagt wurde. Sie kochten davon den Häftlingen einen Fleischbrei. Doch viele Häftlinge waren so geschwächt, dass sie an der für sie unverträglichen Nahrung starben. 6) Auch die Versorgung mit sauberem Wasser war zunächst ein großes Problem. Kranke Häftlinge wurden zuerst im Lager versorgt, später in die große Versammlungshalle der BMW-Wohnsiedlung Ludwigsfeld verlegt, die zum Not-Krankenhaus umfunktioniert wurde.
Erst nach der Kapitulation Münchens konnten die Schwerkranken in die Krankenhäuser nach Dachau oder München-Schwabing gebracht werden. Hinzu kam eine sich ausbreitende Typhusepedemie. US-Lagerkommandant Lt. Snyder erklärte als Sofortmaßnahme das KZ-Außenlager zum Quarantänebereich. Die alte Häftlingskleidung wurde verbrannt, alle Häftlinge mit DDT entlaust und in noch vorhandene O.T.-Uniformen gesteckt. Zur Beerdigung der („Epidemie-“) Toten wurden die Feldmochinger Bauern verpflichtet. Josef Aumüller - ehemals KZ-Häftling in Dachau - und der ehemalige NSDAP-Ortsbauernführer Martin Obersojer wurden von der US-Army beauftragt, die toten Häftlinge „die an der für sie ungewohnten Nahrung gestorben waren, im Feldmochinger städtischen Friedhof in Massengräbern zu beerdigen.“ 7) Die Toten mussten von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern unter den Feldmochinger Bauern mit ihren eigenen Fuhrwerken in rohen Brettersärgen transportiert werden. Feldmochinger NSDAP-Mitglieder mussten an der Nord-Ost-Ecke des Neuen Friedhofs die acht Massengräber ausheben. 8) Josef Aumüller war beim Gastwirt Kaiser im Januar 1934 von der Polizei verhaftet und für 1 Jahr und 9 Monate in das KZ-Dachau eingewiesen worden. 9)
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1) Lt. Hugh C. Daily, 42nd „Rainbow“ Infantry Division, A Combat History Of World War II, S. 122.
2) Vgl. KZGSD Archiv 8343, Bericht von Maria Tuszkay, S. 5.
3) Vgl. dazu: Riviere, Marcel-G., Das Ende eines Lagers wie alle anderen, Typoscript, KZGSD Archiv 16401.
5) Henry Laffitte stand neben Dr. Molnar am Operationstisch. Siehe dazu; Henry Laffitte, Allach Kommando du Dachau, S. 146 ff. Laffitte schreibt von 3 Toten.
5) Vgl. Rivier. a.a.O.
6) KZGSD Archiv 5477.
6) Vgl. dazu Riviere
7) Josef Aumüller, Ein Feldmochinger erzählt aus seinem Leben, S. 60 ff.
8) Vgl. ebd.
9) Ebd.
