Der Todesmarsch der Allacher Häftlinge führte vom Lager Allach am 26.4. ab 21:00 Uhr über Karlsfeld, Pasing, Gräfelfing, Krailling, Gauting, Starnberg, Berg, Aufkirchen, Wolfratshausen, Schwaigwull (Schwaigwall), Gebetsroith (Geretsried), Königsdorf, Kreut, Bad Tölz, Creiling (Greiling), Reichersbeuern nach Waakirchen, wo die Häftlinge befreit wurden. Der Bericht von Rupert Schmidt ist einer der wenigen Berichte eines Allacher Häftlings über den Todesmarsch.
„DER GEWALTMARSCH
Am 25.4.45 ging der Befehl durch das Lager Allach. Bereithalten und angezogen schlafen! Wir sollten evakuiert werden, wahrscheinlich nach Tirol. Die Nacht verlief noch ruhig. Am 26. nachmittags hieß es mit einer Decke antreten. Die Deutschen und Russen wurden dreimal gezählt und aufgerufen. Einige, die weiße Armbinden bekamen, mussten in der äußersten Reihe links und rechts gehen. Als Verpflegung bekamen wir 2/10 Brot, 5 dkg Margarine und ein Dreikant Käse. Der Kochkessel wurde auf einen Wagen geladen, den die Häftlinge ziehen mussten. Wir marschierten zum Tor hinaus, während die anderen Nationen auf ihre Blöcke zurück gehen mussten. Die Begleitung war ausgerüstet mit Maschinenpistolen, Handgranaten und Hunden. Wir marschierten über Karlsfeld nach Pasing, Gräfelfing, Krailling und Gauting. Um 10 Uhr hielten wir die Erste Rast. Eine halbe Stunde auf offenem Felde. Dann ging es. weiter bis zum Morgen. (27.4.1945) Ein dichter Wald nahm uns auf und wir mussten stehen bleiben, eine Anhöhe hinauflaufen und auf Befehl hinlegen und schlafen. Es war schon 10 Uhr, da hörte ich neben mir, wie ein Häftling sagte: „Die Dachauer kommen!” Jeder wollte natürlich seine alten Kameraden suchen. Sie nahmen neben uns Platz, doch durften wir noch nicht zusammen. Das war 43 km von Dachau. Am Abend mussten wir wieder antreten, Lager Allach und Lager Dachau. Wir erhielten Verpflegung, 1/10 Brot, ein Dreikant Käse oder eine Scheibe Wurst und um 21 Uhr marschierten wir ab.
Zahllose Kranke blieben zurück, die durch Genickschuss oder Kolbenhieb erledigt wurden. Es fing an zu regnen, doch es ging weiter über Starnberg, Berg-Aufkirchen und Wolfratshausen. Dann kam wieder Wald. Man hörte ständiges schießen und Hunde bellen, weil viele Häftlinge (zu) fliehen versuchten. Manchen ist es auch gelungen, aber am nächsten Tag wurden sie wieder eingefangen und zurückgebracht. Nach einer viertel Stunde Rast, ich war nicht schnell genug mit Einpacken, wurde mir mein Proviant gestohlen. Es war mondhell geworden und mein Kamerad wollte sich aus einem kleinen Bach Trinkwasser holen. Während er Wasser holte, riss ihm ein Russe sein Bündel aus der Hand und um meinen und seinen Proviant war es geschehen. Oberhalb Wolfratshausen wurde wieder im Wald halt gemacht, weil es anfing Tag zu werden. Wir lagen kaum eine halbe Stunde, dann begann wieder das Stehlen. Dem Kameraden Pfleger wurde das Paket unter dem Kopf herausgerissen. Er sprang auf und wollte es zurückhaben, musste aber, um nicht erschlagen zu werden, zusehen, wie sich die Russen damit rauften. Inhalt war ein Rasierapparat, Brillen, Taschentücher und verschiedene Kleinigkeiten. (28.4.1945) Zu Mittag wurde wieder angetreten, um Proviant zu fassen. Zuerst Lager Allach, dann Lager Dachau. Da fand ich nun meinen Bruder. Wir betrachteten einander einige Sekunden und blieben dann mit zwei alten Kameraden aus Dachau beisammen. Die SS hatte viele Besprechungen. Alle zwei Stunden kamen drei Flugzeuge, die über uns kreisten. Am Abend hieß es hier liegen bleiben. Wir gingen sofort daran, mit den Messern kleine Bäume umzuschneiden und ein Dach zu machen, weil es fortwährend Regnete oder Schneite. Um Mitternacht machten die Russen einen großen Raubüberfall auf die Deutschen und stahlen ihnen sämtliches Gepäck. Es wurde fortwährend geschossen. Ein Posten, der einschritt, wurde gestochen, aber der Stecher wurde sofort umgelegt mit mehreren anderen. Dann warwieder Ruhe. Das war unterhalb der Straße und wir lagerten oberhalb der Straße. Am Morgen sah man schon wieder die Flieger über uns kreisen. (29.4.1945) Es starben auch viele, die alle auf einen Haufen zusammengeworfen wurden. Das Instrument der Totenbeschau waren die SS-Stiefel. Abends wurden wir dann getrennt, die Russen oberhalb und die Deutschen unterhalb der Straße. Am 30.4. zirka um 4 Uhr brachen wir wieder auf. Es blieben wieder viele liegen, die nicht mehr weiterkonnten. Bei Lauterbach marschierten wir über eine Brücke, an der gearbeitet wurde. Da hieß es schneller marschieren, weil die Brücke gesprengt würde.
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Die Hälfte der Russen musste noch drübenbleiben. Da fragte der Unteroffizier, der vorbeiging, unseren Posten: „Wo geht ihr hin?” Er Antwortete: „In den großen Friedhof“. Der Unteroffizier nahm sofort das Fahrrad und fuhr davon. Wir marschierten über Schwaigmühl, Gebetsroith, Königsdorf und Kreid. Zuerst regnete es, dann schneite es, als wenn der Himmel offen wäre. Auf der Straße wimmelte es von Soldaten und Fahrzeugen, die bei Buchen mit uns in den Wald abzweigten. Da wurden wir in eine Schlucht geführt, die Wölfsöd genannt. Es war Stockfinster und sehr steil, so dass wir uns halten mussten, um nicht zu fallen oder einander zu verlieren.
Von der Ferne hörten wir die Schreie verzweifelter Frauen. Die SS war wieder sehr brutal, Gewehrkolben und Stiefel traten in Tätigkeit und die ganze Nacht wurde geschossen. Am Morgen mussten wir feststellen, dass wir liquidiert werden sollten. (1.5.1945) Auf einmal kam der Befehl zum Weitermarschieren. Später erfuhren wir, dass uns ein Hauptmann vom sicheren Tod errettet hatte. Denn von dieser Schlucht, von uns die Teufelsschlucht genannt, wäre keiner wieder herausgekommen, wenn es der SS nachgegangen wäre. Die Schlucht hatte nur einen Eingang und da waren die SS mit ihren Gewehren. Die Wände waren so steil, dass keiner von uns Kraftlosen hinaufgekommen wäre. Es hätte diesmal kein Entrinnen gegeben. Doch der Hauptmann hatte das gesehen und sagte zur SS, wenn ihr in die Häftlinge schießt, gehe ich mit meinem Maschinengewehr gegen euch in Stellung. So musste die SS mit uns wieder weiter marschieren, Der Name des Hauptmannes ist Longin. Ich erfuhr ihn in der Heimat von einem, der dabei war. Dann ging es über Bad Tölz, Crailing, Reichersbeuern! Nach einer kurzen Rast im Wald, bekamen wir unsere gewöhnliche Verpflegung. Es wurde langsam dunkel und wir mussten die Nacht hier verbringen. Schnell traten wieder unsere Messer in Aktion und mit Stangen und Ästen bauten wir uns ein Dach über dem Kopf. Am Morgen hatten wir dann 10 cm Schnee auf den Füssen. (2.5.1945)
Beim Antreten standen mein Bruder und ich hintereinander. Ich war zufällig der Hundertste, so, wurden wir auseinandergerissen. 3 km ging es noch weiter bis Waakirchen. Dort kamen wir in Scheunen unter. Die SS war auf einmal verschwunden. Ich kam in das Haus Nr. 4 und mein Bruder in Nr. 22.
Kaum war ich zwei Stunden gelegen, sagte mir Isidor (handschriftlich Schennach) dass mein Bruder ganz elend und verzagt sei, dann holten wir ihn zu uns. Gegen 3 Uhr hörten wir einen großen Lärm auf der Straße. (30.4.1945) Dann wurden Rufe laut, die Amerikaner kommen. Jeder, der noch gehen und stehen konnte lief auf die Straße und winkte den Amerikanern zu, die uns Zigaretten und Zwieback herunterwarfen, um die wir uns dann rauften. Am anderen Tag kamen die Fußtruppen nach, von denen einige im Dorf blieben. Einer, der Deutsch sprach, erzählte uns, dass sie unsere Begleitung, 150 Mann SS, im Wald ausfindig gemacht und sofort umgelegt hatten.
Den Kommandanten vom Lager Allach, Jaggolin (Jarolin), haben sie durch das Dorf geführt. Am Rücken haben Sie ihm ein rotes Kreuz aufgezeichnet. Am 4.5. ungefähr um 10 Uhr, sind wir mit fünf Kameraden nach Bad Tölz. In Reichersbeuern wurden Essmarken ausgegeben und wir bekamen eine warme Suppe. In Greiling haben die Amerikaner Zwieback, Konserven und Zigaretten gegeben. Um 1 Uhr kamen wir zur Junker Schule in Bad Tölz. Dort stand ein amerikanischer Posten, der uns nicht mehr vorbeiließ. Die Schule wurde als Sammellager für uns benutzt. An den Dächern wurden rote Kreuz Fahnen angesteckt. Wir wurden freundlich empfangen und konnten einige Tage hierbleiben, bis wir dann nach Hause transportiert werden sollten. Abends mussten wir der Reihe nach antreten und bekamen dann Zigaretten und eine gute Suppe. Die erste Nacht schliefen wir am Boden im Hausgang. Vormittag gab es weißen Kaffee mit Brot, nachmittags Suppe mit Zwieback. Manche kamen zu Fuß, manche per Auto, bis wir 14000 waren. Dann fingen sie an zum Transortieren. Die zweite Nacht verbrachten wir im Keller auf Brettern, die wir uns auf den Betonboden gelegt hatten. Am dritten Tag schliefen unsere 16 Österreicher beisammen in zwei Zimmern. Mein Bruder und ich konnten die Nacht auf einem Diwan verbringen. Abort, Waschraum und Bad war in der Nähe, wir waren sehr zufrieden. Das Wetter war auch schön geworden. Die Verpflegung war gut und genug, wir konnten auch zweimal holen. Jeder von uns bekam Durchfall auf die Hungerkur, die wir mitgemacht hatten. Am 13.5. wurden einige Kameraden außerhalb Tölz gefunden, mit eingeschlagenem Schädel, die um 8 Uhr abends begraben wurden. 6 von uns gingen zum Begräbnis. Der Abtransport begann mit den Russen und Polen, weil sie zu den Bauern hinaufgingen stehlen. Dem einen stahlen sie ein Kalb, dem anderen ein Schaf u.a.
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Als letzte kamen die Österreicher an die Reihe. Am 16.1. bestiegen wir amerikanische Schiffsauto. Die Fahrt ging nach Tirol oder Salzburg, wir wussten es noch nicht. Acht Autos waren Vollbesetzt und man konnte sich kaum bewegen. Außerhalb Rosenheims zweigten sie von der Autobahn ab, stoppten und die Chauffeure stiegen aus und hielten eine Besprechung ab. Dann stiegen sie ein, fuhren zurück und Fahrt ging nach Tirol. 17 km von Kufstein entfernt platzte uns ein Autoreifen, Die anderen Autos fuhren weiter, doch nach einer halben Stunde konnten auch wir wieder fahren. Um halb 7 Uhr kamen wir in Kufstein an und wurden sogleich in Baracken untergebracht. Am nächsten hieß es hierbleiben, bis eine Transportmöglichkeit gibt, oder wer nicht mehr weit hat, den Weg zu Fuß machen. Mein Bruder, der Kamerad Isidor und ich meldeten uns, denn die 60 km konnten wir schon zu gehen. Am 18.5. um halb 3 Uhr bekamen wir Marschverpflegung und gingen ein Stück von einigen Kameraden begleitet, von Kufstein ab. Nach zirka 2 km nahm uns ein Lastwagen auf, und brachte uns nach Wörgl. Dort kauften wir ein wenig Leberwurst und Bier und dann ginge es zu Fuß nach Kundl. Am Eingang des Dorfes hielt uns ein Posten an und gab uns durch Deuten zu verstehen, dass wir uns setzen sollten. Nach einer Weile kam schon ein Lastwagen, dem der Posten mitteilte, dass wir hinaufwollten.
Doch konnte er uns nur bis Strass mitnehmen, weil er dann ins Zillertal fuhr. Dort suchten wir uns ein Nachtquartier und kamen beim dritten Bauern unter, beim Fischerbauern. Vor dem Schlafengehen bekamen wir warme Milch und Brot und am Morgen vor dem Abmarsch dasselbe. In Jenbach mussten wir zu den Amerikanern um einen anderen Reiseschein. Die anderen warteten vor der Gemeinde und ich ging ins Schulhaus. Nach langem Warten und mühseliger Verständigung erhielt ich einen Pass auf alle drei Namen lautend nach Innsbruck. Mein Bruder hatte in inzwischen vom Bürgermeister einen Schein für Lagerverpflegung erhalten. Im Lager bekamen wir 1/2 l Kaffee, 1/4 Brot und Kunsthonig. Dann ging es weiter, der Bahnstrecke entlang bis Schwaz. Wir gingen wieder auf die Hauptstraße bis Pill. Bei Pill hielt uns wieder ein Posten auf und ließ uns warten, bis wir zirka 10 Personen beisammen waren. Dann hielt der uns ein Auto auf, das uns wieder mitnahm. In Wattens hielt es beim Posten an, um Auskunft zu holen. Ich wollte schnell vom Auto herunter, doch musste ich wieder hinauf, unser Schein lautete nach Innsbruck. Sie fuhren mit uns ins Lager Absamer-Eichat. Dort frug ich sofort nach dem Kommandanten. Es war ein Slowenier da, dem ich sagte, dass wir heute noch nach Hause kämen, weil gerade Pfingstsamstag sei und wir die Feiertage gerne zu Hause verbringen möchten. Er verstand uns und in 5 Minuten kam er zurück, mit der Antwort, dass es bewilligt sei und wir wieder das Auto besteigen sollten, in 10 Minuten würde weggefahren. Mit einer Mordsfreude bestiegen wir das Auto wieder, jetzt geht es nach Hause. Doch in Hall fuhr das Auto über den unteren Stadtplatz, beim Münzerturm vorbei und hinauf in den Volderwaldhof, beim Lockenhof vorbei und hinauf nach Tulfes. Doch gaben sie uns gleich zu verstehen, dass sie nur essen wollten und dann mit uns heimfahren. Nach einer halben Stunde kamen sie wieder und fuhren los. In Hall auf der Lend wurde gerade Fußball gespielt und unser Auto fuhr noch dorthin zuschauen, bis das Spiel fertig war. Dann fuhren die endlich weiter ins Unterinntal uns ließen uns in Wattens bei der Post absteigen. Es war um 6 Uhr abends. Mein Bruder ging noch mit mir nach Hause und wir überraschten unsere Angehörigen, die wir alle gesund angetroffen haben.
Wattens, 19.5.1945
Schmidt Rupert“ 1)
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1) Rupert Schmidt, * 24.4.1899, KZGSD Archiv 552
