Was Zahlen und Fakten betrifft, war die Quellenlage über das KZ-Außenlager Dachau-Allach unübersichtlich - weil über viele Archive verstreut - aber gut. Durch die Tatsache, dass es sich bei dem BMW Flugmotorenwerk Allach um einen der fünf wichtigsten Rüstungsbetriebe der NS-Diktatur handelte, waren viele Zahlen aus dieser Zeit in „Kriegsleistungsberichten”, Kriegstagetücher, Rüstungsinspektions-, Geschäftsberichten und weiter davon betroffenen Behörden und Ministerien dokumentiert. Hinzu kamen alliierte polizeiliche Ermittlungs- und Prozessakten im Rahmen des 1. Dachauer Prozesses und nachfolgender Strafprozesse und Ermittlungen in der Bundesrepublik Deutschland. Um die Größenordnung der KZ-Einsätze bei BMW einzuordnen und damit den Stellenwert von BMW und seines Flugmotorenwerkes in Allach im Gefüge des NS-Terrorstaates zu ermitteln war besonders ein Bericht hilfreich: „Das Arbeitslager Allach im Rüstungseinsatz 1943 - 1944“
In diesem Bericht gibt BMW u.a. an, 3.985 KZ-Häftlinge aus dem KZ-Außenlager Dachau-Allach im Dezember 1943 im Flugmotorenwerk Allach als Zwangsarbeiter eingesetzt zu haben. 1) Desweiteren sind darin alle Lohn- und Prämienzahlungen von BMW-Allach an die SS und O.T. von Februar 1943 bis Dezember 1944 für alle in diesem Zeitraum eingesetzten KZ-Häftlinge im BMW-Werk Allach aufgeführt. 2) Diese Angaben emöglichten die Rekonstruktion aller KZ-Häftlingseinsätze im Allacher Werk für die Jahre 1943 und 1944.
Weitere BMW-interne „FOB- Berichte“, die Zahlen u.a. über Ein- und Austritte und deren Gründe (Flucht, Krankheit, Rückführung) nennen, ergänzen das Bild. 3)
Von Jahresbeginn 1945 bis zur Befreiung am 30. April 1945 lieferte die SS-Buchhaltung genaue Zahlen. Sie führte monatlich „Offene-Posten-Listen“, in denen neben anderen Forderungen auch die Forderungen aus dem Häftlingseinsatz an BMW-Allach dargestellt sind. 4) Auch diese Zahlen halfen, den Arbeitseinsatz der Allacher KZ-Häftlinge im BMW-Werk Allach von Januar bis April 1945 zu rekonstruieren. Über die erhalten gebliebenen monatlich gestellten Rechnungen der SS über den Häftlingseinsatz bei BMW-Allach konnten die im Bericht genannten Zahlen verifiziert werden. Damit wurde klar: BMW war während des 2. Weltkriegs zu einer „wahren Gelddruckmaschine” sowohl für die SS als auch für BMW und ihre Anteilseigner geworden. Für die Arbeit der KZ-Häftlinge verrechnete die SS nur die Hälfte der Lohnkosten an BMW. Die Lohnersparnis aus dem KZ-Häftlingseinsatz summierte sich bei BMW-Allach auf rund 88 Millionen Reichsmark.
Mitte Februar 1945 wurde die Produktion des 801-Motors u.a. wegen Materialmangel und Zulieferproblemen eingestellt. So blieben „nur“ noch Motorenreparaturen, soweit es die Ersatzteillage erlaubte. Damit reduzierte sich im Werk Allach der KZ-Arbeitseinsatz des Kommandos Produktion. 5) Die Häftlinge arbeiteten nun vermehrt in Aufräumkommandos um Bombenschäden zu beseitigen, oder bauten Häuser für BMW-Führungskräfte in Großberghofen.
Weitere Quellen stellen die erhalten gebliebenen SS-Zu- und Abgangslisten des KZ-Außenlagers dar. Allerdings gibt es darin zwei große zeitliche Lücken. 6) So sind keine Unterlagen über die Lagerzugänge von Ende Mai 1943 bis Ende Mai 1944 - also ein komplettes Jahr - vorhanden. Ebenso verhält es sich bei den Abgängen. Auch hier klafft eine Lücke von über einem Jahr - von Juni 1943 bis Juli 1944. Ungeklärt bleibt, ob innerhalb des dokumentierten Zeitraums alle Transporte erfasst sind. Für den Zeitraum von Januar bis April 1943 stammen die Angaben aus dem SS-Schriftverkehr, der in den Bundes- und Landesarchiven zu finden war. Wenn auch unvollständig, geben diese Bestände Auskunft über Verlegungen, Fluchten sowie krankheitsbedingte Überstellungen vom KZ-Außenlagerkomplex Dachau-Allach in das KZ-Dachau. Hinzu kommen Akten und Dokumente aus den Bundesarchiven Berlin, Freiburg, Bad Arolsen, Ludwigsburg, den Landesarchiven aus Thüringen, Brandenburg und Bayern, Stadtarchiven wie München, Dachau, Eisenach, Nürnberg, dem BMW- und MTU-Archiv in München, Gedenkstätten, Museen und Archiven wie z.B. Dachau, Flossenbürg, Yad Vashem, Warschau, Amsterdam, Kopenhagen, Moskau, dem US-Holocaustmuseum und National Archives Washington (NARA), Museen in Amsterdam und Kopenhagen, Privatpersonen und vielen vielen anderen.
Auch über die KZ-Häftlinge, ihre Herkunft, „Rasse“ und Nationalität sowie den Haftgrund und weitere persönliche Angaben existieren Aufzeichnungen. 7) Trotz der zeitlichen Lücken können bisher für das KZ-Außenlager Dachau-Allach „Überstellungen“ von etwa 33.500 KZ-Häftlingen namentlich nachgewiesen werden. Weitere Quellen sind weitläufig verstreute Angaben in den Akten der Rüstungsinspektionen, in den Kriegsleistungsberichten, den Kriegstagebüchern und Akten der NSDAP. 8)
Eine weitere wichtige Quelle sind Zeugenaussagen aus polizeilichen Ermittlungsverfahren. Auch wenn es in vielen Fällen nie zu einer Anklage kam, sind diese Ermittlungen überaus wichtig. Beispiel: Die Angaben ehemaliger KZ-Häftlinge über die Lagerbelegung in Dachau-Allach sind unterschiedlich und weichen häufig voneinander ab. So ist z.B. die Aussage des Häftlings Gustav Alfred Carl, dass sich zur Jahreswende 1943/44 bis zu 11.000 Häftlinge im Außenlager Dachau-Allach befunden hätten, durch Zahlen und Häftlingsaussagen nicht belegbar. 9) Diese Aussage ist aber schon deshalb nicht unbrauchbar, weil eine individuell geschätzte Zahl wiedergegeben wurde. Diese Beurteilung gilt auch für andere Schätzungen durch KZ-Häftlinge.
So haben mich Aussagen von Häftlingen zum „Kommando Dyckerhoff” zum Zeitraum Dezember 1944 bis Januar 1945 veranlasst, die Dachauer Totenbücher nach Häftlingen aus dem O.T.-Lager Allach-Karlsfeld zu durchsuchen, die den BMW-Hallenbunker des Flugmotorenwerks unter der Bauaufsicht der SS errichten mussten. Die gewonnenen Fakten aus den Totenbüchern des KZ-Dachau basieren auf den Aussagen ehemaliger Häftlinge und zeichnen ein Bild der Brutalität und Rücksichtslosigkeit des NS-Systems, wie wir sie uns heute nicht mehr vorstellen können.
Klaus Mai, München im Juli 2026
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1) KZGSD Archiv 24718, „Das Arbeitslager Allach im Rüstungseinsatz 1943 - 1944“. Vgl. dazu auch: StaA München, Staatsanwaltschaften, 34814/1, Blatt 327 ff. Die Zahl wird auch vom stellvertretenden Lagerkommandanten Sebastian Eberl bestätigt.
2) Vgl. ebd.
3) Vgl. ebd. Der Bericht hing seit Jahrzehnten in der Dauerausstellung der KZ-Gedenkstätte Dachau und war vermutlich nie ausgewertet worden.
4) Vgl. ITS 1.1.6.0\0008\206\0077. In diesen „Offenen-Posten-Listen“ sind Zahl der Häftlinge, Einsatzort, geleistete Stunden, Stundenlohn und Lohnsummen etc. sowie Prämien für die KZ-Häftlingseinsätze bei BMW-Allach dokumentiert. Diese OP-Listen mussten monatlich an das SS-WVHA gesandt werden und dienten als Kontroll- oder Abstimmungsinstrument innerhalb der „SS-Konzernbuchhaltung“. Im Gegensatz zu summierten bilanzierten Forderungen an alle Unternehmen die aus einem Geldbetrag besteht, sind in der OP-Liste alle einzelnen Forderungen an die einzelnen Unternehmen aufgelistet.
5) Die Gründe dazu waren vielschichtig. Zulieferprobleme durch zerstörte Infrastruktur und Materialmangel. Vgl. dazu: BArch R3 / 3058 - 8, Blatt 14 ff. Vgl. dazu auch: Josef Jarolin, KZGSD Archiv 24.718, „Zusammenfassender Entwicklungsbericht über den Arbeitseinsatz 1943 - 1944“. Wörtlich heißt es darin: „Ab 1. Januar 1945 hat die BMW im Zuge der betrieblichen und werkstofflichen Sparmaßnahmen die Tätigkeit der Verwaltungsstellen des Werkes für KZ-Häftlinge (Einstellbüro, Abteilungsschreibwesen und Lohnabteilung) eingeschränkt. Dieser Aufgabenbereich wurde vom SS-Arbeitslager Allach übernommen.“
6) Vgl. dazu die nachfolgende Dokumentation der Zu- und Abgänge mit Einzelnachweisen. Dazu auch: KZGSD Archiv 32820.
7) So sind nahezu alle Schreibstubenkarten der jüdischen Häftlinge des O.T.-Lagers Allach-Karlsfeld sowie der Häftlinge des SS-Arbeitslagers erhalten geblieben!
8) Vgl. dazu: StaA München, NSDAP 88.
9) Vgl. dazu die Aussage von Gustav-Alfred Carl, in: StaA München, Staatsanwaltschaften, 34706, Blatt 56 ff.