Stanislaw Jurczak
 
Häftling im KZ-Außenlager Dachau-Allach

„In den Jahren 1940/41 befand ich mich im KL Flossenbürg. Danach kam ich nach Dachau und wurde dort am 6. März 1943 zusammen mit 750 Häftlingen ins Nebenlager Allach verlegt. Anfangs, bis zum Einmarsch der amerikanischen Truppen im Jahre 1945, befanden sich dort Häftlinge verschiedener Nationalität, danach nur noch polnischer Nationalität. Ins Lager Flossenbürg wurde ich auf Grund meiner Verhaftung durch die Gestapo in Krakau eingeliefert. Auf Grund dessen, daß ich der deutschen Sprache nicht mächtig war, arbeitete ich in ein paar Kommandos und zwar:
 
1. bei der Ausrodung der Wälder für die künftige Fabrik der BMW
2. beim Bahnbau
3. beim Bau der Bunkerhalle
4. als Lackierer.
 
Wir schliefen in Pferdebaracken ohne Fenster, ohne Rücksicht auf die Jahreszeit. Die Grundernährung stellte sich zusammen aus Kohlrabi. Das Frühstück setzte sich zusammen aus einem halben Liter schwarzen Kaffee, das Mittagessen aus Kohlrabi und ein paar Kartoffeln und das Abendbrot aus 40 dg trockenem Brot. Zweimal in der Woche erhielten wir je 2 dg Margarine. 
Wir schliefen zu zweit unter einer Decke. Während der Arbeit war es schrecklich, da wir sehr genau darauf achten mußten, daß der Kapo nicht auf die Idee kam, seine Mütze wegzuwerfen, um die er dann einen Häftling schickte, auf den ein SS-Mann schoß, wofür er 5 Mark und 3 Tage Urlaub erhielt. 
 
Mechanisierte Anlagen gab es überhaupt nicht, alles mußten die Häftlinge machen. Am schlimmsten waren die Appelle und die nächtlichen Wecksignale. Der Appell beruhte darauf, daß ca. um 4.30 Uhr das Wecksignal ertönte, danach ohne Rücksicht auf die Jahreszeit und auf das Wetter mußte man ausgezogen bis zur Hälfte in den Baderaum laufen, vor dem jeweils ein Kapo stand, der uns mit einer Peitsche schlug. Man mußte dabei sehr viel Geschick aufbringen, um nicht geschlagen zu werden. 
 
Am schlimmsten war der Abendappell, der manchmal sogar stundenlang dauerte. Wenn irgendeiner der Häftlinge nicht zum Appell erschien, musste man so lange dastehen, bis dieser Häftling gefunden wurde. Danach fand ein Gericht statt. Der Häftling wurde an einen speziellen Tisch gebunden und mit Peitschen zusammengeschlagen. Die Anzahl der Hiebe hing vom Humor des Kommandanten ab. Es schlugen vorwiegend zwei Kapos einer von ihnen hieß Hans Rola 1) ‚ der andere Moll 2). An den Vornamen erinnere ich mich nicht.
 
Jeder Block hatte einen Blockältesten, einen Blockschreiber, einen Kapo und einen Helfer des Kapos. Die deutschen Blockältesten waren die schlimmsten, sie schickten je nach Phantasie oder Humor die Häftlinge in die Strafkompanie, nahmen ihnen das abendliche Brot ab, schlugen sie. Aus der Strafkompanie gab es kein Zurück mehr. Dort durfte man überhaupt nicht langsam gehen. Alles mußte im Lauf erledigt werden. Ein Kapo konnte straflos einen Häftling erschlagen oder ihn mit Absicht zu den Drähten schicken, damit ihn dort ein SS-Mann töten konnte. Die Drähte waren immer mit Strom geladen. 
 
SS-Hauptsturmführer Sebastian Eberl war Stellvertreter des Kommandanten in Dachau (Allach) und Kommandant in Allach. Der Kommandant aus Dachau traf zu Inspektionen nach Augsburg und in die Flugzeugfabrik Messerschmitt ein, in der ich arbeitete.
 
Ich war Zeuge folgender Verbrechen:

1. Ende Mai bzw. Anfang Juni 1943, als ich beim Bahnbau tätig war, sah ich, wie zwei Juden im Alter von ca. 60 Jahren an den Kapo Hans Rola herantraten und ihn darum ersuchten, ihnen eine leichtere Arbeit zu verschaffen, worauf er antwortete, daß er Eberl fragen wolle. Nach etwa 15 Minuten kehrte er mit Eberl zurück, der diese Juden fragte, ob die Arbeit für sie zu schwer wäre. Auf eine diesbezügliche bejahende Antwort hin befahl er ihnen, sie sollten sich auf zwei Stämme am Hang hinsetzen. In dem Moment, als sie sich hinsetzten, erschoß er aus seiner Pistole den einen und den anderen, und danach stieß er sie mit dem Stiefel den Hang hinunter. Die Namen der Juden sind mir nicht bekannt.

2. Im Juli 1943 begegnete er mir auf dem Appellplatz, riss mir die Nummer vom Rock ab und befahl mir, daß ich mich auf der Schreibstube melden sollte. Dort war er und der Rapportführer anwesend. Eberl fragte mich, weshalb ich in dieser Richtung ging. Ich sagte, daß ich meine Kleidung auswechseln wollte, worauf er antwortete, daß ich lüge, stehlen wollte und auf dem Wege ins Frauenlager war. Ich war tatsächlich auf dem Wege zu den Frauen und trug für sie Verbände hin. Er führte jedoch bei mir keine Leibesvisitation durch. Er schlug mich mit seinem mit Metall verstärkten Handschuh zusammen, trat nach mir und danach schickte er mich in den Block, damit ich mir die Nummer wiederannähen konnte. Am nächsten Tag sagte mir der Blockälteste, ich sollte mich am Tor melden und dort nahm mich ein SS-Mann, dessen Namen mir nicht bekannt ist, mit auf die andere Seite der Drähte, führte mich in den Bunker, wo ich zuerst 1 1/2 Stunden lang an einem Pfahl mit verbundenen Händen hing und danach sagte er mir, daß ich auf Anordnung Eberls 10 Tage lang stehenden Bunker bekam. Das beruhte darauf, daß ich in einem Verließ stehen mußte, ohne die Erlaubnis zu bekommen, mich hinzusetzen. Dieses Verlies hatte ein kleines Fenster und dort bekam ich jeden zweiten Tag etwas zu essen. 3)
 
3. Eberl beaufsichtigte die Arbeit beim Bau des Bunkers, wo ich ebenfalls drei Tage lang arbeitete. Während dieser Zeit kamen 23 bzw. 24 Häftlinge ums Leben, die Sand für den Mörtel heranfuhren. Es handelte sich dabei um Russen und Polen. Ihre Namen sind mir nicht bekannt. Das sah folgendermaßen aus, daß sie den Mörtel über Bretter einer hölzernen Brüstung fahren und diesen in die Grube für die Ausschalung hineinwerfen sollten. Wenn eine Karre abrutschte, mußte jeder von ihnen hinter ihr herspringen. Andernfalls erwartete ihn seitens des Kommandanten Eberl der Tod. Es war im Herbst 1944. Die nachfolgenden Häftlinge schütteten die Personen zu, die hineinfielen. Danach holte man sie mit Hacken aus dem Mörtel heraus. 4)
 
4. Vier Tage vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen nahm Eberl ca. 200 Russen mit, führte sie in Begleitung von 10 SS-Männern ca. 200 m weit vom Lager fort. Wir hörten nur eine Detonation, und nach nach der Befreiung, als die amerikanischen Truppen einmarschiert waren, begaben wir uns zu dieser Stelle und fanden einen Haufen Fleisch vor. Die Namen der SS-Männer sind mir nicht bekannt. 
 
5. Im Jahre 1943, im Juni arbeitete ich zusammen mit anderen Häftlingen als Arbeiter beim Bau von Flugzeugen. Der die Arbeit beaufsichtigende SS-Mann, dessen Namen mir nicht bekannt ist, erlaubte uns, aus den Ruinen Essensreste herauszuholen (bombardiert war das Esszimmer und die Kantine). Plötzlich traf Eberl ein. Wir begannen automatisch die gefundenen Essensreste wegzuwerfen. Eberl befahl uns, in einer Reihe zu je 10 Personen Aufstellung zu nehmen und die Taschen nach oben zu kehren und damit die in ihnen befindlichen Gegenstande herauszubringen. Daraufhin ging er zwischen den Reihen hindurch und traf einen Polen mit einer Schüssel Schmalz an, einen zweiten mit einer Tabakpackung und einen dritten mit Brot sowie vier Russen die ebenfalls (etwas) Brot hatten. Daraufhin schrieb er persönlich ihre Nummern auf und befahl, sie im Lager von allen anderen zu isolieren. Insgesamt waren es sieben Personen.
Nach Ablauf von fünf Tagen traf er in Augsburg ein, da eben dort die Arbeiten durchgeführt wurden und befahl, zwei Pfähle mit einem davor stehenden Pfahl einzugraben. Daraufhin rief er die 7 Häftlinge heran. Die Schlingen für die Erhängung waren bereits vorbereitet. Alle Häftlinge mußten auf den Platz heraustreten und daraufhin umstellte uns eine Eskorte der SS-Männer mit Waffen. Die Verurteilten mußten auf eine Erhöhung hinauftreten. Daraufhin las er vor, daß sie er- hängt werden sollten. Die verurteilten Häftlinge traten nacheinander auf einen Hocker hinauf und wur- den erhängt. Die Schlingen legte ihnen um den Hals ein deutscher Häftling, der aus Dachau stammte. Eberl selbst wirbelte den bereits hängenden Häftling mit eigenen Händen um seine eigene Achse he- rum. Diese Tat fand statt in Augsburg.
 
6. Im Monat April bzw. Mai 1944 erhängte er auf dem Gelände des Lagers Allach drei Russen, deren Namen mir nicht bekannt sind. In Allach wurde 12 Stunden am Tage gearbeitet. Nach Rückkehr von der Nachtschicht wurde die Versammlung des ganzen Lagers angeordnet. Wir traten vor den Wasch- raum, wo immer die Exekutionen stattfanden. Dort fanden wir zwei Galgen vor. Eberl und vier SS-Män- ner, deren Namen mir nicht bekannt sind, traten vor. Sie führten diese drei Russen, die die Hände nach hinten mit Draht verbunden hatten. Sie traten vor den Galgen. Eberl las vor, daß sie deswegen erhängt werden, weil sie während der Arbeit schliefen und deswegen, daß der elektrische Anschluß kaputtging. Sie arbeiteten in den Hallen 3B. Sie wurden erhängt. Eberl sah nach, ob sie tatsächlich nicht mehr leb- ten. Wir wußten alle, daß wenn ein Galgen im Lager errichtet wurde, nach der Exekution wurde er be- seitigt‚ dann würde Eberl ganz bestimmt im Lager eintreffen und daß dann Exekutionen stattfinden werden. Uns war bekannt, daß für das Brechen eines 3 mm Bohrers die Todesstrafe drohte. Wenn den Bohrer jemand reparieren wollte, dann mußte er zu dem deutschen Kapo gehen, der seine Nummer notierte und danach wurden solche Personen erhängt. Derartige Fälle kamen in der Woche durchschnittlich drei bis fünf Mal vor. Dabei geht es darum, daß in der Woche drei bis fünf Personen auf diese Weise erhängt wurden. Bei derartigen Exekutionen war immer Eberl anwesend. Die Namen der erhängten Personen sind mir nicht bekannt. Es waren vorwiegend Russen und Polen.
 
7. Im Winter 1943 war ich Zeuge, wie 10 Häftlinge Kartoffeln von einem Kartoffelhaufen in die Taschen steckten. Der Kapo notierte ihre Nummern, es war Hans Rola und er sagte, daß er mit den polnischen und russischen Banditen ein Ende machen müßte. Nach zwei Wochen wurden diese Häftlinge erhängt. Eberl las das Urteil vor. Es geschah auf dem Gelände des Lagers Allach. Zwei Wochen lang davor waren alle Häftlinge in stehenden Bunkern eingeschlossen.
 
8. Im Winter 1944/45, zwischen der Fabrik BMW und München, fuhren wir um Holz und dabei brach sich einer der Polen den Fuß, und ein anderer, zog sich ebenfalls irgendetwas zu, so daß er nicht arbeiten konnte. Sie gingen zur Seite. Ihre Namen sind mir nicht bekannt. Auf der Rückreise fuhr der Häftling mit dem gebrochenen Bein auf einem Anhänger, während der andere hinter dem Wagen herging. Vor dem Lagertor kam Eberl heraus und fragte, was geschehen wäre. Der Gruppenälteste meldete, daß einer ein gebrochenes Bein hätte, und ein anderer krank wäre. Eberl befahl, den Häftling von dem Anhänger herunterzuholen und daraufhin trugen die Haftlinge den einen wie den anderen zum Bunker. Eberl blieb dort bei ihnen. Als wir das Tor passierten, vernahmen wir einen Schuß. Am nächsten Tag fanden wir ihre Leichen. Derartige Fälle gab es viele. Es fällt einem schwer, alles aufzuzählen. Wegen geringfügiger Vergehen wurden die Häftlinge mit dem Tode bestraft. Die Namen der Erhängten und getöteten Häftlinge sind mir nicht bekannt. Wir waren nur Nummern. Andere Namen außer Eberl‚ Hans Rola und Moll sind mir nicht bekannt.
 
9. Im Mai 1943 kam es oft vor, daß Rola in einer Hand Kartoffeln hielt und in der anderen eine Spitzhacke und die Häftlinge dazu animierte, die Kartoffeln zu nehmen. Wenn einer der Häftlinge den Mut aufbrachte und zu ihm hinging, dann schlug er ihn und trat nach ihm solange, bis er ihn tötete. Auf diese Weise starben Polen, Russen sowie Franzosen. All diese oben beschriebenen Fälle beobachtete ich aus nächster Entfernung.
 
Ich möchte noch hinzufügen, daß die Baracke sehr schlecht ausgerüstet war. Es gab kein Klosett. In der Mitte des Blocks stand ein Faß, in dem alle ihre Notdurft verrichteten. Einen Monat vor Einmarsch der amerikanischen Truppen gab Eberl die Anordnung heraus, daß alle die Karten, auf denen die Straßen registriert waren, im SS-Block abzugeben haben.“ Wir schliefen in Pferdebaracken ohne Fenster, ohne Rücksicht auf die Jahreszeit. Die Grundernährung stellte sich zusammen aus Kohlrabi. Das Frühstück setzte sich zusammen aus einem halben Liter schwarzen Kaffee, das Mittagessen aus Kohlrabi und ein paar Kartoffeln und das Abendbrot aus 40 dg trockenem Brot. Zweimal in der Woche erhielten wir je 2 dg Margarine. Wir schliefen zu zweit unter einer Decke. Während der Arbeit war es schrecklich, da wir sehr genau darauf achten mußten, daß der Kapo nicht auf die Idee kam, seine Mütze wegzuwerfen, um die er dann einen Häftling schickte, auf den ein SS-Mann schoß, wofür er 5 Mark und 3 Tage Urlaub erhielt.” 5)
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1) Stanislaus Rola, * 26.7.1922 in Zagorze, # 50583, Schlosser, Sch, led., kath., Pole. Vgl. ITS 1.1.6.7\ROG-ROSF\0292.
2) Moll
3) Stehbunker und Pfahlhängen als Strafe wurde auch in Allach durchgeführt.
4) Vermutlich schildert Jurcak ein Geschehen auf der Großbaustelle des „BMW-Hallenbunkers“.
5) Stanislaw Jurczak, StaA München, Staatsanwaltschaften, 34814/2, Blatt 337 ff.
 
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