Das KZ-Außenlager Dachau-Allach

„Dr. K. Steinerstr. 13

Rupert Schmid,
Sch. Österr. Nr. 41797
Wattens/Tirol, den 6.2.1963

Mein Weg nach Dachau

Wir kamen am 6. Januar 1943 mit einem Transport aus Innsbruck/Tirol mit 126 Mann nach Dachau. Unser Zugangsblock war damals 20. Dann kamen wir auf Block 4 Stube 4. Und etliche Wochen später kamen wir auf die Stube 3 bis wir nach dem Außenkommando Allach kamen. Ich arbeitete eine Woche im Luftschutzkeller bei Kapo Pups 2). Dann kam die Quarantäne und in dieser Zeit arbeitete ich bei Willi Wiesentheiner 3)‚ der einen Fluchtpunkt [auf dem Rücken] hatte und Holz und Kohlen auf die Blocks lieferte. 0der wir verbrannten die Strohsäcke der Kranken.

Nach der Quarantäne arbeiteten wir in der Entlausung bei den Zivilkleidern. Eines Tages fielen wir beim Kartoffelbraten auf, ich als Schäler, Pfarrer Sindler 4) und Pfarrer Schelling 5) als Kartoffelbrater und Aufpasser. Dann kamen wir drei Wochen an die Walze. Aber wir waren glücklich, daß wir nicht auf den Strafblock kamen. Mein Bruder mit dem ich nach Dachau gekommen bin, kam inzwischen ins Revier wegen eines offenen Fußes. Danach kam ich mit ihm in die Gurtenweberei bis Mitte August 1943.

Mitte August 1943 ging der Transport nach Allach. Dort war der Lagerführer SS-Oberscharführer Eberl. Er fragte dann auch, als wir dann angekommen waren, ob wir es zu Fuß machen könnten, die 5 - 6 km, weil sie keine Autos hatten. Dann also los. Wir marschierten die paar Kilometer. Nur ein einziges Mal hatten wir eine kurze Rast zum austreten. Im Lager angekommen war auch der Schutzhaftlagerführer Jarolin.

Das Lager machte uns keinen guten Eindruck, denn die Baracken waren Pferdeställe. Zwölf davon waren bewohnt. Die anderen sechs mussten ausgeschwefelt werden, so waren sie verlaust. Dann wurde Betonfußboden gelegt. Ich kam auf Block 12 in die hintere Stube (anbei eine Skizze). Als Türen waren vorne und hinten ein Scheunentor, innen waren sie schon verkleinert. Die Baracken waren einfach mit Brettern verschalt und auf den Fugen waren Leisten genagelt. Es gab genug Ritzen, durch die man hindurch sehen konnte, wie das Wetter war.

Im grossen Raum musste tagaus und tagein Licht brennen, weil kein Tageslicht hinein kam. An den Wänden standen die Betten zweistöckig hintereinander und in der Mitte standen Tische und Bänke einer Reihe. In der Nacht wurden die Bänke auf die Tische gestellt, weil für die drei grossen Kübel Platz gemacht werden musste. In der Nacht durfte keiner den Block verlassen, denn sonst wurde gleich geschossen.

In der ersten Stube waren der Blockälteste, der Schreiber und zwei Kapos. Hinten waren wir 36 Mann. In der Mitte war ein Tisch, der aber nur Platz für 12 hatte. Auf jedem Block waren 250 bis 300 Mann. Grüne und rote, aber auch schwarze Winkel. Wir waren Deutsche, Österreicher, Russen, Polen, Jugoslawen, Italiener und Franzosen. Als Waschraum hatten wir eine eigene Baracke, Latrine und ein kleines Bad für ca. 30 Mann. Alles für vier Blocks. Im Winter konnten wir in der Bluse in den Waschraum gehen, dort musste sie jedoch ausgezogen werden. Zum Baden ging es nackt mit umgehängtem Mantel. Die Wäsche bekamen wir auf dem Block. Die Italiener waren auf Block 5 und arbeiteten auf dem Bahnbau. Wir mussten zwei Wochen im Lager arbeiten, bis wir zur BMW kamen. Während der Zeit, wo wir im Lager arbeiteten, musste der Appellplatz vergrößert werden und Wege gebaut, was der SS aber nicht schnell genug ging. Die Umzäunung war mit Stacheldraht und auch elektrisch geladen, wie in Dachau.

Die Wachtürme waren aus Holz und mit einer Leiter von außen. Wir arbeiteten im Werk 3 Halle 3 in zwei Schichten bei Tag und Nacht, jeweils von 7 Uhr früh bis 7 Uhr abends. Wir bauten Flugzeugmotore. In einer Schicht waren 1.200 Mann und 800 arbeiteten auf dem Bau, weil nebenbei ein neues Werk gebaut wurde. Das ging ebenfalls in Tag- und Nachtschicht vor sich. Eine eigene Straße wurde für uns gebaut, so daß wir in Fünferreihen gehen konnten. Beiderseitig war die Straße durch ein Maschengeflecht abgeschlossen und in 2 Meter Höhe noch ein Stacheldraht. Außerhalb des Drahtgeflechts gingen die Posten und jeder Zehnte von ihnen hatte einen Hund. Die Straße dürfte 5 km lang gewesen sein und ging mitten durch einen kleinen Wald, wo eine andere Straße unsere kreuzte.

Eines Tages sind in dieser Lücke zwei russische Häftlinge abgehauen. Ich weiß allerdings nicht, ob sie erwischt worden sind. Von diesem Tage an mussten die Posten mit schussbereitem Gewehr gehen. Im Werk selbst sind auch einmal zwei russische Häftlinge abgehauen und haben bei einem Bauern Zivilkleider gestohlen. Aber sie wurden nach drei Tagen wieder eingefangen und mussten den ganzen Tag am Tor stehen. Abends wurden sie auf dem Appellplatz gehängt. Wenn die Flugzeuge über München flogen oder die Stadt bombardierten haben sie Flugzettel für die BMW-Werke abgeworfen. Aber wir - das Lager - wurden nie bombardiert. Im April 1944 wurde unsere Halle aufgelöst und in kleine Abteilungen aufgeteilt. Diejenigen, die an den Propellerwellen und dem Zylindergehäuse arbeiteten, kamen nach dem AKo [Arbeitskommando] Kaufbeuren. Da war ich dabei. Die anderen kamen nach Auen, Eisenach, Ingolstadt.

Ab April 1945 kamen wir nach Allach zurück. Leider habe ich keine Erinnerungsstücke außer meiner Häftlingskleidung, in der ich nach Hause kam, allerdings ein paar Briefe, die ich nach Hause geschrieben habe. Hier nun ein paar Adressen:

Gustav Schuster Fabrikant, Mühlacker, Seeweg 12 6)
Nikolaus Schmitt in Pastendorf, Post Diekirch/Grossherzogtum Luxemburg 7)
Isidor Schennach 0berirming/Oberinntal,Tirol 8)
Benedikt Ogertschnig in Tigrin/Post Moosburg/Klagenfurt/Kärnten 9)
Emil Böhm Öhningen 104 über Radolfzell/Konstanz 10)
Peter Pfleger Altenmarkt bei Fürstenfeld/Ost-Steiermark 11)

 

gez. Rupert Schmidt“ 12)
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1) Schreibstubenkarte: ITS 1.1.6.7\SCHLI-SCHQ\0541.
2) Josef Pups, * 4.1.1891 in Wien, # 460 und 16361, Hilfsarbeiter,  Sch, verh., 1 Kind, kath., Deutsch-Österreicher, Vgl. ITS 1.1.6.7\PRI-PZ\1262.
3) Willi Wiesentheiner. Nicht ermittelt.
4) Alois Sindler, *  27.4.1893 in Riedschein, # 24340, Pfarrer, PSV, § 175, led., kath., Deutscher. Vgl. ITS 1.1.6.7\SIM-SKR\0380. 
5) Georg Schelling, * 26.9.1906 in Buch bei Bregenz, # 21855, Pfarrer, Sch, led., kath., Deutscher. Vgl. ITS 1.1.6.7\SCHEF-SCHLH\0223. Schelling war seit 31.5.1938 im KZ-Dachau und wurde am 26.9.1939 nach Buchenwald überstellt. Von dort am 8.12.1940 nach Dachau rücküberstellt .  
6) Gustav Schuster, * 20.9.1896 in Niederhofen, # 48538, Schleifer, Sch, verh., 1 Kind, ev., Deutscher. Vgl. ITS 1.1.6.7\SCHR-SCHWARZ-J\10030. 
7) Nikolaus Schmitt, * 31.5.1894 in Darlem, # 133548, Markenausgeber, Sch, verh., 2 Kinder, kath., Deutscher. Vgl. ITS 1.1.6.7\SCHLI-SCHQ\0690.
8) Isidor Schennach, * 19.11.1887 in Obermieming, # 48331, Bauer, PSV, led., kath., Deutscher. Vgl. ITS 1.1.6.7\SCHEF-SCHLH\0311. Seit 11.6.1943 in Dachau-Allach. 
9) Benedikt Ogertschnig, * 16.1.1903 in Ziegering, # 433 und 35739, Zimmermann, Sch, led., 7 Kinder, Deutsch-Österreicher,  Vgl. ITS 1.1.6.7\NOWO-OQ\0769.
10) Emil Böhm, * 26.1.1905 in Wien, # 47377, Maler, Schumacher,  Sch, verh., 1 Kind. ev., Deutscher. Vgl. ITS 1.1.6.7\BLO-BOL\0843.
11) Peter Pfleger, * 29.6.1898 in Bayr.-Kölldorf, # 43760, Sch, PSV, Landarbeiter, verh., Deutscher. Vgl. ITS 1.1.6.7\PERSU-PIEB\1133.
12) Rupert Schmidt, * 28.4.1899, KZGSD Archiv 552/I.
 
 
 
 
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