Häftling im KZ-Außenlager Dachau-Allach
Nikolaus Hoffmann, * 14.8.1899 in Merzig, # 64977, Hüttenarbeiter, Sch., verh., 2 Kinder, Luxemburger. Nikolaus Hoffmann wurde als Mitglied einer Widerstandsgruppe Mitte August 1942 in Esch verhaftet und in das KZ-Hinzert überstellt. Von dort wurde er am 20.1.1943 in das KZ-Natzweiler überführt und am 4.3.1944 direkt in das Außenlager Allach überstellt (Wegen einer Typhusepidemie im KZ-Dachau wurden die Häftlinge direkt in das Außenlager Allach überstellt). Dort arbeitete er zunächst im Baukommando und verlegte eine Wasserleitung. Im Anschluss daran wurde er im BMW-Flugmotorenwerk in der Halle II, Folge IV im Motorenbau angelernt und hatte später dort als Hallenkapo die Aufsicht. Hoffmann wurde am 30.4.1945 in Allach befreit.
„In der Fabrik geht die Arbeit weiter. 240 fertige Zylinderköpfe werden jeden Tag von Wurmseder 1) notiert. Er selbst arbeitet nicht mehr. Ich kümmere mich um die Mannschaft. Ich gehe zu jedem, um das Kaliber zu messen. Beim Einpassen des Schwalbenschwanzes - Verbindung zweier Werkzeugteile durch schwalbenschwanzförmig ausgeschnittene Zapfen - gibt es Probleme. Das Kaliber passt nicht. Ich muss es Wurmseder sagen. Der macht nur eine Geste. Hälfte Juli 1943 Montags morgens stehe ich allein an meinem Arbeitsplatz. Arthur ist schon eine Zeitlang nicht mehr zu sehen. Ich frage Kleinmeister 2) nach dessen Verbleib und bekomme zur Antwort: ,Der ist schon lange weg.‘ So wie man uns befohlen hat, arbeiten wir den ganzen Tag durch. Dann am anderen Morgen können wir unsere Arbeitsplätze kaum noch erreichen. Hohe Haufen von Zylinderköpfen versperren uns den Weg. Alle sind gekennzeichnet: ,Nacharbeit‘, ‚Schwalbenschwanz.‘ Das Kaliber stimmt nicht. Wir geraten unter Zeitdruck. Neue zu machen, hat keinen Zweck. Es muss schneller gehen, denn die ganze Fabrik steht still. Es ist kein brauchbarer Zylinderkopf mehr vorhanden.
Mit Kleinmeister an der Spitze kommen Ingenieure und Meister in unsere Abteilung. Sie reden alle zur gleichen Zeit, sprechen durcheinander, reichen mir neue Stifte und Feilen. Werkzeuge, die nicht geeignet sind, etwas Wesentliches zu ändern. Damit kann man höchstens den Zylinderkopf ankratzen. Uns stehen drei Fräsmaschinen zur Verfügung, Zwei davon sind seit längerer Zeit blockiert. Gestern ist auch die dritte ausgefallen. Mit der Arbeit kann es demnach nicht mehr geordnet weitergehen. Da die Zuschauer sich noch immer nicht entfernt haben, stehen mir überall Füße im Weg. Ich komme nicht einmal an meine eigene Werkbank heran. Ich wende mich an Kleinmeister und mache ihm klar, dass wir mit Diskutieren nicht weiterkämen. Ihm gelingt es, die Meute zu verscheuchen.
Nur Jarolin bleibt stehen. Zusammen mit einem SS-Mann, der uns erst kürzlich zugeteilt wurde. Dieser hält einen Schäferhund an der Leine. Der Hund schnappt ständig nach mir. Lässt mich nichts anfassen. ,Der Hund muss weg‘, lässt sich Kleinmeister vernehmen. ,Der Mann kann ja nicht arbeiten.‘ Jarolin gibt seinem Begleiter einen Wink. Die beiden entfernen sich. Hier stehen 8 Mann herum, die nicht arbeiten können, da die Maschinen nicht in Ordnung sind. Wie kommen wir nur weiter? Es geht um Leben und Tod. Jedem ist unsere Situation bewusst. Ich nehme das Arbeitsgerät von gestern in die Hand. Mit einem Bleihammer schlage ich auf die glasharte Stahlschicht, die das Werkzeug umgibt. Der Mantel fällt. Das Gerät zerfällt in seine Bestandteile. Fragen prasseln auf mich ein. ,Wo hast du das gesehen?‘ ,Hast du so etwas schon gemacht und wo?‘ Ich lege die Stücke der Reihe nach auf die Werkbank. Zuerst mit einer Schlichtfeile, dann mit Schmirgelpapier, entferne ich alle Schrammen, die durch die Späne des Duraluminiums 3) entstanden sind. Diese Späne sind so hart, dass sie Millimeter tiefe Schrammen hinterlassen. Ich finde ein Schema, das die Teile des Schwalbenschwanzes zeigt. Mit Hilfe dieser Zeichnung setze ich das Stück wieder zusammen. Ein neuer Stift und das Werkzeug ist wieder in Ordnung. Ich wende mich dem zweiten zu. Oh weh! Ich hatte nicht aufgepasst. Arikin 4) hatte seine Drehbank nicht richtig eingestellt. Jetzt legt er mir die Zylinderköpfe vor. Oh Gott! Mit einem Ausschuss (fehlerhafter Zylinderkopf) hätte man zuerst probieren müssen. Kleinmeister kommt heran. In seiner Gegenwart setze ich das Kaliber ein. Es passt! Wo ist mein Schutzengel? Danke! ,Der da (für Arikin gemeint) vollendet die gesamte Nacharbeit; alle anderen neue‘, so lautet die Anordnung von Kleinmeister. Damit die übrigen 7 Mann ebenfalls wieder arbeiten können, setze ich auch den zweiten Schwalbenschwanz wieder instand. Wenn uns dieses Missgeschick bei der Nacharbeit passiert wäre! Nicht auszudenken, was dann passiert wäre. Nun haben wir wieder zwei einsatzfähige Maschinen und es kann wieder losgehen. Ich habe eine Stunde gebraucht, um die beiden Werkzeuge zu reparieren. Ich bin völlig fertig. Schwitze am ganzen Körper. Jetzt kommen alle Verantwortlichen der Fabrik.
Es läuft ja wieder. Vorher zeigte sich keiner, um mir zu helfen. Immer wieder Schreie. Man hört Klatschen. Es gibt Prügel. Auf dem Weg zur Toilette komme ich an einer einzelnen Drehbank vorbei. Hier soll man sich an Teilen von abgeschossenen Flugzeugen versucht haben. Bei der Konstruktion dieser Flugzeuge wurde angeblich eine Aluminium-Legierung verwendet, die man bis jetzt nicht kannte. Der Häftling, der an dieser Drehbank beschäftigt war, soll nachlässig gewesen sein. Ein ganzer Haufen Späne war ihm in einer hohen Stichflamme verbrannt.
Ein Kapo macht mit dem armen Kerl, die uns bestens bekannten Strafübungen. Bereits seit längerer Zeit beschäftigt mich der Gedanke, als wäre ich bereits in einer ähnlichen Fabrik gewesen. Jetzt, plötzlich geht mir ein Licht auf! Es war im Winter 1941/1942, als ich mit meinem damaligen Meister Billen Jang von der alten Schmelz und mit vielen anderen Betriebsangehörigen zum Luftschutz eingeteilt worden war. Ein Deutscher hatte uns die Grundbegriffe des Exerzierens beigebracht. Dann eines Tages hieß es: ,Morgen gehen wir ins Kino‘ Uns war es gleichgültig. Unter deutscher Führung behagte uns die Arbeit sowieso nicht mehr. Für wen sollten wir denn noch arbeiten? Bereits morgens gehen wir im blauen Anzug ins Kino. Wir lassen uns in Samtsitzen nieder. Im Film wird uns gezeigt, auf welche Weise Deutsche mit Besen und Feuerpatsche das durch Brandbomben verursachte Feuer löschen. Wie wertvoll es ist, wenn alle Hand mit anlegen, wird uns gezeigt. Dann kommt noch ein Film über deutsche Wertarbeit. Jetzt weiß ich es! Der Film, den ich damals zu Hause sah, läuft jetzt vor meinem geistigen Auge ab. Es ist derselbe Bau, es sind die gleichen Maschinen. Alles ist mit der heutigen Situation identisch. Der Film zeigt eindeutig die Arbeit, die wir jetzt verrichten. Das Schema der Schwalbenschwänze. In der Revolverdrehbank drehen sie nach rechts, die Stifte dagegen nach links. Natürlich wurde die Maschine von Hand bedient. So war es im Film. Für uns damals Theorie. Heute aber Praxis und bitterer Ernst.
Da jetzt im Betrieb wieder alles klappt, kommt ein Ingenieur zu mir, und er lässt mich wissen, dass ich ab jetzt zum ,Einsteller‘ bestimmt sei. Er übergibt mir eine Armbinde und erklärt mir, dass ich diese am linken Ärmel anzunähen hätte. Ich entgegne nichts. Die neue Armbinde, welche mit einem großen E gezeichnet ist, stecke ich in die von Petroleum nasse Hosentasche. Ich trage sie nie. Habe sie jedoch immer dabei. Man muss eben vorsichtig sein! Trotzdem wäre es fast schief gegangen. Beim Filzen vor dem Kommandolager zieht ein SS mir die Armbinde aus der Mütze. ,Was ist das denn, Kerl?‘ herrscht er mich an. ,Die hast du gestohlen.‘ Gleichzeitig zerrt er mich am Arm zum Kommandoführer ,Pius‘. Der sagt schlicht und einfach: ,Gib dem die Armbinde zurück, er braucht sie in der Fabrik.‘ Es war noch einmal gut gegangen. Da Wurmseder nicht mehr anwesend ist, bringt Kleinmeister mir ein dickes Register in das ich alle Details über unsere Arbeit eintragen muss. Hier ist das Leben nicht einmal einen F ... wert. Jetzt haben sie den Bock auch noch zum Gärtner gemacht. Dies ist die größte Genugtuung, die ich in Allach habe. Eine große innere Freude erfüllt mich, wie wenn ein wildes Feuer in meinem Magen wühlen würde. Mein lieber Kleinmeister, nun pass mal auf! Als tägliche Arbeitsleistung hat jeder meiner Mitarbeiter 30 Zylinderköpfe im Buch. Auch der Franzose Lecomte 5 ) hat wieder frischen Mut. ,Wenn ich zufriedenstellend arbeite, dann darf ich bald nach Hause‘, meint er. Er gibt sich tatsächlich Mühe. Er schafft eine größere Zahl von Zylinderköpfen als die anderen. Von den Kollegen wird ihm gesagt: ‘Mon ami, dans notre situation tu creveras ici, fais comme les autres, garde bien ta force et ta sante.’ Er hat begriffen. Durch Prügel, die er im Lager bezog, ist er geheilt.
Er macht jetzt nur noch 30 Stück, so wie alle anderen auch. Es wird eine zweite Schicht eingeführt. ,Es muss rund drehen hier‘, meint der Frisör Hofrichter. Ich soll mit der neuen Nachtschicht einrücken, und zwar als Einsteller in Folge IV. Ich zeige meinen harten Kopf. Ich bearbeite die Meister und rücke schlussendlich mit der Tagesschicht ein. Ich verhandele längere Zeit mit dem Meister, bevor mir Arikin, Krajewski, 6) Garifulin, 7) 4 neue Russen und ein Franzose aus Gerardmer zugeteilt werden. Bei dem Franzosen handelt es sich um einen jungen Mann von etwa 17 oder 18 Jahren. Man ergriff ihn in einem Walde, nach dem die Stadt dem Erdboden gleichgemacht worden war. Nach dem Mittagessen werde ich auf die Lagerschreibstube bestellt. Der Schreiber, ebenfalls ein Häftling, sagt: ‚Hoffmann, du bist heute mit der Tagesschicht eingerückt, morgen rückst du mit der Nachtschicht ein, oder möchtest du lieber gleich 25‘ (Gemeint waren 25 Stockhiebe). Ich habe verstanden. Zwei Kapos, mit grünen Winkeln, stehen mit Knüppeln im Raum. Ich habe keine Wahl. ‚Ich rücke morgen mit der Nachtschicht ein‘, kommt meine Antwort. Sch ... , auf dieser Schicht bin ich allein als Luxemburger.
Seitdem ich Einsteller bin, muss ich jeden Tag mit einem Zylinderkopf von jeder Maschine zur ‚Begutachtung‘ ins Büro. Ich werde dort gut empfangen. Auf meinen Gruß ‚Moien‘ bekomme ich ‚guten Morgen‘ zur Antwort. Ich gebe dem Ingenieur aber auch nicht die geringste Ursache, mich schlecht zu behandeln. Wenn er es gewusst hätte. Die Zylinderköpfe, die ich ihm vorzeige, kommen alle von der gleichen Maschine. Von Garifulin angefertigt. Nur dass ich andere Stempel benutzt habe. Eines Tages komme ich wie gewöhnlich ins Büro. Ein SS sitzt in der Nähe des Ofens und döst vor sich hin. Ich nehme den Zylinderkopf von der Schulter und stelle ihn hart auf den Tisch. Ich höre nur noch ein lautes ‚raus‘ und bin schon verschwunden. Am darauffolgenden Tag kommt der Ingenieur zu mir, und ich muss ihm sagen, was sich am Vortag ereignet hat. Ich erzähle ihm von dem Vorfall. Er lässt mich wissen, dass er von nun an immer zugegen sei, wenn ich ihn aufsuche, um die Zylinderköpfe vorzuzeigen. Als ich das Büro am darauffolgenden Tag wieder betrete, sitzt der gleiche SS wieder da.
‚Was macht der Kerl bloß hier‘, möchte er vom Ingenieur wissen. Dieser erklärt ihm, dass es zu meiner Arbeit gehöre, ihm die Zylinderköpfe zur Überprüfung vorzuzeigen. ‚Aber sie, so der Ingenieur, sitzen hier, obschon sie anderswo sein müssten!‘ Der SS springt auf und ist plötzlich nicht mehr zu sehen. An einem bestimmten Tage hat der Ingenieur in seinem Büro ziemlich viel Betrieb. Zivilisten und SS sind unter seinen Besuchern. Auf den von mir vorgelegten Zylinderkopf deutend, sagt er: ‚So eine saubere Arbeit bekommen wir von den Deutschen nicht!‘ Wenn er es gewusst hätte! Auf Folge V arbeitet ein Schwabe. Er kommt aus Bad Cannstatt, in der Nähe von Stuttgart. Massi 8) ist sein Name. Er ist neutralisierter Italiener. Hieß vorher Massini. Seinen Namen hatte er verdeutschen lassen. Er war Bauunternehmer. Durch eine Sprengladung, die vorzeitig explodierte, ist er im Gesicht verunstaltet. Ich gebe mich viel mit ihm ab. Mit Massi kann man Pferde stehlen. Trotzdem habe ich ihm einen ernsten Vorwurf zu machen. Für ein Stück Brot dressiert er die ekelhaften Hunde der SS. Da er die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, ist er nicht in der gleichen Gefahr, wie wir. Er überprüft alle Zylinderköpfe. Wenn er eine Unregelmäßigkeit entdeckt, dann meldet er sich. Die als einwandfrei geltenden Zylinderköpfe deponiert er auf einem Laufband. Von unserer Schicht geht jeder schnell zu seiner Drehbank und legt 2 oder 3 Stück dazu. Wenn niemand in der Nähe ist, geht das ziemlich schnell. Foto: Briefumschlag - gestempelt am 6.3.1944 - aus dem KZ-Außenlager Dachau-Allach von Nikolaus Hofmann an seine Ehefrau. Auf diese Weise steigt unsere Arbeitsleistung gewaltig, da diese Zylinder zu den anderen gezählt werden. Aus diesem Grunde hatte Jaschenko auf Folge VI nicht viel zu tun und war ständig betrunken. Nach und nach, ich wusste, dass der Tag einmal kommen würde, werden wir zu erhöhter Leistung angetrieben.
Es sind keine Zylinderköpfe mehr vorhanden. Mir wird ein Zivilkontrolleur zugeordnet. Der macht weiter nichts, als seinen eigenen Stempel neben dem meinigen anzubringen. Der Mann hat ein Schloss auf der Schnauze, oder es handelt sich um einen Stummen. Er führt ein eigenes Register. Trotz seiner Anwesenheit geht es weiter wie bisher. Ungefähr 10 Tage ist der Zivilist bei uns als Kontrolleur eingesetzt. Dann kommt er nicht mehr zurück. Ich habe das Gefühl, dass etwas Unangenehmes in der Luft liegt. Ständig bin ich jetzt in der Nähe der Maschinen. Ich gebe meinen Mitarbeitern Ratschläge, denn ich will vermeiden, dass es zu Fehlern kommt, die nur uns zugeschrieben werden können. Die Feststellung derartiger Fehler könnte ungeahnte Folgen haben. Ich will auf keinen Fall, dass einer meiner Kollegen sein Leben aufs Spiel setzt. Alles, was auf unserer Schicht passiert, sogar das geringste Detail notiere ich auf einer sogenannten Arbeitskarte, die ich nach Schichtschluss in einer Spalte des Werkzeugschrankes verstecke. Beide Schichten besitzen einen Schlüssel zu diesem Schrank. Auf diese Weise sind Jang, Neckel und ich selbst, stets über alles im Bild. Kommt eine Beanstandung, dann sind wir bereits auf eine Antwort vorbereitet. Ich versuche die Maschinen und die Drehbänke immer in Ordnung zu halten. Kinder, jetzt ist es mit dem Spaß vorbei! Der Tag ist gekommen an dem man in der Fabrik auf fertige Zylinderköpfe wartet. In meinem Register stehen deren bei weitem mehr als aus der Gießerei geliefert wurden. Kleinmeister ist sehr aufgeregt, als er mir von dieser Unregelmäßigkeit Kenntnis gibt. Ich verziehe den Mund zu einem Lächeln und meine: ,Sie binden mir wohl einen Bären auf, oder stimmen meine Eintragungen nicht mit denen des zivilen Kontrolleurs überein?‘ ,Doch, doch‘ antwortet Kleinmeister, ,aber ich frage mich, wo die Zylinderköpfe geblieben sind?‘ Ich antworte ihm: ,Ich bin hier so beschäftigt, dass ich den Zylinderköpfen nicht nachlaufen kann. Außerdem darf ich meinen Arbeitsplatz nicht verlassen.‘ Weder Kleinmeister noch die übrigen Verantwortlichen wissen Rat. Ich kann es nicht lassen, ihnen mangelhafte Ordnung vorzuwerfen. Dies alles geschah an einem Samstag. Sonntags wurde damals nicht gearbeitet, doch als wir am Montag wieder in die Fabrik kommen, herrscht hier das schönste Durcheinander. Man hat die Kanaldeckel sogar entfernt. Offensichtlich hat man überall nach eventuell versteckten Zylinderköpfen gesucht. ,Nichts gefunden!‘ sagt Hofrichter, 9) der Frisör. Er wirkt äußerst verwirrt. Sie alle glauben, dass der Fehler bei ihnen liegt. Es wächst Gras über die Sache.
Als wir zur Nachtschicht kommen, sperre ich den Werkzeugschrank auf. Auf der Karte von Neckel steht, an meine Adresse gerichtet: ,Nimm dich heute in Acht, ihr habt gestern Abend einen Ausschuss (fehlerhafter Zylinderkopf) gemacht.‘ Unter uns haben wir abgemacht, es jedes Mal der anderen Schicht in die Schuhe zu schieben, wenn etwas beanstandet wird. Bis jetzt sind wir dabei gut gefahren. Gleich sind drei Meister zur Stelle. ,Hier wurde gestern Abend ein Ausschuss gemacht‘, lautete deren Feststellung. Ich gebe zur Antwort: ‚Wir haben überhaupt nicht gearbeitet. Wegen Fliegeralarm waren wir bis 6 Uhr morgens in der Bunkerhalle.‘ ‚Doch, komm mit‘, lautet der Befehl. ‚Sieh da, was dort liegt!‘ Oben auf dem Ausschusshaufen liegt ein nicht gereinigter Zylinderkopf. Ich schaue mir das Stück von allen Seiten an. Mir kommt der Verdacht, dass dieser Zylinderkopf nachgemacht wurde, um uns hereinzulegen. Die Gedanken kreisen mir blitzschnell durch den Kopf. ‚Unmöglich, dass wir es waren, denn wir hielten uns zwischen 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends im Bunker auf.‘ Zwei andere Meister hatten die 8 Mann von Folge IV bereits ausgefragt. Keiner hatte einen Ausschuss gemacht. Ich muss zurückgreifen und den ganzen Vorgang von vorne erzählen: ‚Wir kommen aus der Dunkelheit in die erleuchtete Fabrikhalle, und dies genau fünf Minuten vor 6 Uhr abends.
Wir hören das Geräusch von Flugzeugmotoren am Himmel. ‚Es sind die unsrigen‘‘, wird uns gesagt. Es gelingt mir noch, die Karte von Neckel aus dem Schrank zu holen, als die ersten Bomben fallen. Alles erzittert unter der Wucht der Explosionen, sogar die Fabrikhalle erbebt. Die Beleuchtung fällt aus. Die Sirenen heulen auf. ‚Pius‘ pfeift und brüllt: ‚Antreten‘. Alles rennt, rettet sich, flüchtet. Taghell ist die Nacht. Beim Licht einer Stalllaterne gehen wir in Fünferreihen. Einer fehlt. Sch (...), da oben läuft noch eine Maschine, an unserem Arbeitsplatz. Es fallen noch immer Bomben. In der Dunkelheit sehe ich Srajewski in unsere Richtung laufen. Er fällt, steht wieder auf. Dann steht er, ohne dass es auffällt, in der ersten Reihe. In jeder Reihe tritt einer zurück. In der allgemeinen Aufregung merkt der Kapo nichts. Jetzt stimmt die Zahl. ‚Mützen auf, ohne Tritt, marsch.‘ Der ganze Himmel ist voller Lichtstreifen. Wir gehen schnell in die Bunkerhalle, bis 6 Uhr morgens. Durch einen Irrgarten betreten wir die Räume. Es gibt weder Tür noch Fenstern. Starker Durchzug, da ständig Ventilatoren in Betrieb sein müssen. Wir stehen 12 Stunden im Bunker; der Alarm ist noch nicht abgeblasen, als wir hinausgehen. Die Mauern des Bunkers sind drei Meter dick. Auf dem Dach liegen viele Meter Grayträger aus Differdingen, mit Rundeisen verbunden und mit Beton ausgegossen. Draußen wird noch weiter gebaut. Voll beladene Waggons der Prinz-Heinrich-Eisenbahn stehen dort. Die Schuld an einem Fehler auf eine andere Schicht abzuschieben, das funktioniert diesmal nicht. Jarolin ist wütend. ‚So eine Saubande‘, lässt er sich vernehmen. ‚Ihr macht Sabotage im Großen, wir werden euch die Zunge lösen. Die Brotzeit ist vorerst gestrichen.‘ Es wird ernst. Ich mache mir Gedanken und rauche vorerst eine Zigarette.
Ich sehe plötzlich, dass die Russen sich untereinander prügeln. Ich laufe hin und erkundige mich nach der Ursache der Schlägerei. Ich sehe, dass Srajewski 10) blutet. Niemand will sprechen. Ich wende mich an Garifulin. Dieser lässt mich wissen, dass ich die Ursache der Schlägerei bin, denn ich bekäme ja jetzt ebenfalls kein Brot mehr. Ich zeige mich enttäuscht über ihr Verhalten und bringe ihnen meine Meinung unmissverständlich zur Kenntnis. Außerdem sage ich ihnen, dass ich keineswegs gewillt sei, denjenigen anzuzeigen, der für die Sache verantwortlich sei. Jedenfalls nicht gegen dessen Willen. Dann gehen wir eben alle drauf, sage ich ihnen. Außerdem verspreche ich, mich für denjenigen einzusetzen, der für den Ausschuss verantwortlich ist, falls dieser sich freiwillig melde. Ich fasse dabei Srajewski tief ins Auge. Dieser beginnt zu weinen. Er hat meine Worte sehr gut verstanden, denn alle Ukrainer verstehen Deutsch. Er tritt an mich heran und bekennt sich schuldig, indem er sagt: ‚Ich habe den Ausschuss gemacht.‘ Ich gebe Anweisung, weiter zu arbeiten, während ich mich ins Büro begebe. Dort treffe ich Kleinmeister an. Von ihm kann man behaupten, dass er uns nicht übel gesinnt ist. Ich sage ihm, dass ich jetzt wüsste, wer für den Ausschuss verantwortlich sei. ‚Dem blüht etwas!‘, so Kleinmeister, obwohl ich noch keinen Namen genannt habe. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass er ja wüsste, was einem im Lager für eine derartige Tat bevorstehe. Zuerst die Anzeige und dann nach 6 Wochen der Strick. Ich nenne dann den Namen Srachtschinski, so wie er im Arbeitsbuch geführt wird. Dann lobe ich ihn, indem ich sage: ‚Der beste Arbeiter von Folge IV wird gehängt. Ein Mann der täglich saubere 30 Stück macht. Der bei Dunkelheit, bei Fliegeralarm, noch für den deutschen Sieg arbeitet. Nur dass er Unglück beim letzten Arbeitsgang hatte. Nur weil die Klemmvorrichtung an seiner Maschine nicht eingeschnappt war, machte er den Zylinderkopf mit der Auslassfräse kaputt. Ein Mann mit einem solchen Arbeitseifer ersetzt sich nicht von heute auf morgen. Ich würde sie aus diesem Grunde bitten, sich für ihn einzusetzen.‘ ‚Ich kenne Srachtschinski.‘ ‚Ich versuche mein Bestes,‘ sagt Kleinmeister.
Nachmittags kommt wieder die ganze Meute. Ingenieure, Meister und SS. Jarolin befiehlt Srachtschinski zu sich. ‚Erzähl uns mal, wie das zugeht, wenn man Sabotage macht.‘ In sich zusammengesunken, wie ein Häufchen Elend wimmert Srajewski: ‚Ich, nein, nicht Sabotage. Ich arbeiten, viel arbeiten, schnell, schnell fertig. Dann kaputt. Ich Angst und werfen auf Haufen.‘ Die ganze Bande lacht. ‚An die Arbeit!‘ kommandiert Jarolin. Srajewski steht da, mit gebeugtem Haupt, wie ein reumütiger Sünder. Er kann das alles nicht begreifen. ‚Pius‘ kann sich allerdings nicht enthalten, dem Srajewski einen heftigen Fußtritt ins Gesäß zu verpassen, so dass dieser zu Boden fällt und sich überschlägt. Er rafft sich auf und ist gleich darauf wieder an der Arbeit. Für die ‚Herren‘, die sich eingefunden hatten, wurde das Ganze als Witz betrachtet. Sie waren erleichtert, lachten und entfernten sich, nachdem sie zuvor an dieser oder jener Maschine mit der Hand den Staub gewischt hatten. Die Sache war noch mal gut gegangen. Von diesem Tage an wurde ich im Lager von jedem Russen gegrüßt.
Ich komme jetzt zu Kapo ‚Pius‘. Das war ein Kerl, den konnte man nicht in die Wehrmacht einberufen, denn er hätte in keine Reihe gepasst. Er hatte Füße, die nicht einmal durch die Beinkleider einer Stiefelhose durchgeschlüpft wären. ‚Zwöle Knepper‘ zu Hause hatte gegen ihn Kieferfüße. Als ich später zu Hause war und meine Geschichte erzähle, war so mancher unter meinen Zuhörern der sagte: ‚Das hätte ich niemals ausgehalten, ich wäre bestimmt weggelaufen.‘ Ja, vielleicht vieren von tausend gelang es, sich dieser Zwangsarbeit durch Flucht zu entziehen. Dabei muss jedoch immer noch bedacht werden, dass es solche Leute waren, denen das Schicksal ihrer Familie gleichgültig war. Außerdem muss ich noch klarstellen, dass die meisten Flüchtigen wieder ergriffen wurden.
Dann standen sie am Lagerwege mit einem Schild auf der Brust: „Bin wieder da“. Aber wie sehen diese armen Schweine aus? Von Kopf bis zu Fuß blutend. Durch Schläge und Bisse von wütenden Hunden. Am darauffolgenden Tage sind sie nicht mehr im Lager. Wohin hat man sie gebracht? Man weiß es nicht, kann nur mutmaßen. Ein junger Deutscher, 20 bis 25 Jahre alt, mit grünem Winkel, hatte Glück. Ihm gelang die Flucht, mit Hilfe von Zivilpersonen, die ihm außerdem andere Kleider verschafft hatten. Beim Zählappell, nach der Arbeit, fehlt einer. Trotzdem müssen wir schnell ins Lager zurück, denn wir dürfen dem Ablösungskommando nicht begegnen. Wir müssen uns auf dem Appellplatz aufstellen. ‚Alles bleibt stehen, bis der Kerl wieder da ist.‘ Kapo Willi läuft sich die Beine ab, er erkundigt sich bei jedem nach dem Verbleib des Flüchtigen. Erst gegen drei Uhr am Nachmittag werden wir ins Quartier geschickt, wo wir endlich etwas zum Essen bekommen. Später kommt dann das Kommando: ‚Macht euch fertig. Für die Nachtschicht, antreten!‘ Wir müssen wieder zur Arbeit. Der Flüchtige, ein Deutscher mit dem grünen Winkel, war bereits mit uns in Natzweiler. Er kam mit nach Allach. Gemäß einem kursierenden Gerücht hatte der Mann unsagbar viel gelitten. In Straßburg hatte man angeblich irgendwelche Versuche mit ihm angestellt. Seine Arme waren durchsichtig, wie Glas. Zwei Monate später kam eine Karte aus Marseille. Der Mann ließ uns wissen: ‚Ich bin auf dem Schiff. Ich gehe zur französischen Legion.‘
Ein gewisser Kox Ernest 11) erzählt uns die Geschichte. Durch die Flucht dieses Mannes wurden wir dann nochmals hart geschliffen. Sonntags - Appell: ‚Alles raustreten.‘ Jarolin ist da. Er spricht mich an: ‚Was bist du?‘ ‚Luxemburger‘. ‚Haare schneiden.‘ Ich eile zum Frisör. Eine stumpfe Haarschneidemaschine reißt auf meinem Kopf eine Autobahn 12) von der Stirn bis ins Genick. Den Bart hatte ich mir kurz zuvor mit dem Rasiermesser meines Vaters entfernt. In einem Paket waren mir Bartmesser, Seife, Bartpinsel und Spiegel zugeschickt worden, nachdem ich in einem Brief um diese Sachen gebeten hatte. Es ist zwar verboten ein Messer zu besitzen; ich sollte deswegen noch Probleme bekommen. Hier laufen viele Häftlinge mit Bartflechte herum. Ich hatte auch bereits Anzeichen davon. Ich denke zurück an meinen Großvater. Den Vater meiner Mutter. Bevor er Ende August 1925 starb, saß ich als 18-Jähriger an seinem Lager. Hierbei hatte er mir noch einige Lebensweisheiten offenbart. Sonderbarerweise hatte er auch mit mir über die Bartflechte gesprochen. ,Wasch deine Hände und dein Gesicht sauber‘, so hatte er mir gesagt. Dann uriniere auf deine Hände und reibe dir den Urin ins Gesicht. Nicht abtrocknen, sondern trocknen lassen. Dann bist du die Bartflechte los.‘ Mein Großvater hatte es mir gesagt, so als ahnte er damals schon, was mir bevorstehe. Ich folgte seinem Rat. Ich hatte zwar ein tolles Brennen im Gesicht, doch die Bartflechte machte sich nicht weiter bemerkbar. Was die Gelbsucht anbelangt, so hatte er mir ebenfalls ein altes Mittel genannt. ‚Danke dir, Großvater Jenni Staudt!‘ Ich gebe das Mittel an meine Leidensgenossen weiter. Einige befolgen meinen Rat, andere jedoch nicht. Diejenigen, die es nicht machen, laufen noch lange Zeit mit einem schwarz gestrichenen Gesicht umher. Wenn ich bedenke, wie diese Saubande hier mit den Leuten umspringt, dann habe ich eine ungeheure Wut im Bauch. Wir sind hier nur noch Nummern, mit denen man nach Belieben verfahren kann.
Wir bekommen alle neue Kennzeichen. Winkeln aus Aluminium, mit der Nummer drauf. Es ist kein Tuch mehr vorhanden. Ich habe da eine Idee! Im Schrank in der Fabrik stehen Flaschen mit allerlei Farben. Ich male mir einen ‚L‘ in den roten Winkel. Da dies für Volksdeutsche streng verboten ist, will ich eben demonstrieren, dass ich keiner bin. Die Kameraden lachen und machen es mir nach. Dies sollte allerdings noch Folgen haben. Da ist der Ostermaier. Wir rufen ihn ,Osterhase‘. Dieser verrichtet die gleiche Arbeit wie wir. Ist jedoch nicht als Häftling hier. Er macht viele Überstunden. Will uns noch übertreffen. Er wischt sich den Schweiß. ‚Schuster bleib bei deinem Leisten.‘ Er geht jetzt nach Hause. Hat noch viele unfertige Stücke an seiner Werkbank zurückgelassen. Mir hat er untersagt an seine Maschine zu gehen. Er will den Rest Morgen erledigen. Ich denke, armer Osterhase, es bleibt ja noch fast alles zu machen. Nachdem er sein Pensum am anderen Morgen erledigt hat, gibt er uns Anweisung, seine Werkbank zu benutzen. Ich untersuche einen der von ihm angefertigten Zylinderköpfe. Dieser lässt sich im Passloch bewegen. Wahrscheinlich war ihm ein Fehler bei der Einstellung seiner Maschine unterlaufen. ,Haben Sie so gearbeitet?‘ frage ich ihn. ‚Gewiss, es ist alles in Ordnung, nur drauf los, ich nehme alles auf mich. Ihr müsst nur drauflos arbeiten.‘' Der Osterhase ist weg. Ich zeige dem Frisör einen vom Osterhasen angefertigten Zylinderkopf. ,Was gibt's‘ fragt dieser. Ich melde meine Bedenken an. Der Frisör schenkt meinen Einwänden keine Beachtung. ‚Nur weiter, wir sind noch erheblich im Rückstand‘, meint er. Am darauffolgenden Tage finde ich im Werkzeugschrank eine Karte mit einer Warnung von Kollege Hennen 13) Auf der Kartesteht: ‚Der Neckel ist im Lagerbunker, pass auf.‘ Ich erkundige mich bei Kleinmeister, was eigentlich los sei. Dieser klärt mich auf.
Dann kommt Jarolin. ,Ihr Schweine, ihr macht Sabotage hier.‘ Er brüllt. In seiner Nähe stehen zwei SS mit Schäferhunden. Ich schlage die Hacken zusammen, stehe stramm. ,Bitte sprechen zu dürfen.‘ Jarolin antwortet: ,Maul auf.‘ Ich sage: ,Wir machen keine Sabotage.‘ Jarolin ,Ihr habt Schaden in Millionenhöhe gemacht.‘ Ich halte ihm vor: ,Es ist mir verboten, einen Zivilisten zu bezichtigen, ich kann nur sagen, wir waren es nicht‘. Jarolin stutzt, jetzt kommt er näher und spricht bereits nicht mehr so laut. ,Kerl, wie heißt denn der Mann?' Ich antworte: ,Ostermaier hat uns befohlen an dieser Maschine zu arbeiten. ‚Gott, was gibt das, wenn der ein Lump ist und alles abstreitet. Nein, der Ostermaier ist in Ordnung. Er ging nicht von der Nachtschicht nach Hause. Jetzt steht er da. Er sieht Jarolin nicht. Dieser: ,Tag, Herr Ostermaier.‘ 14) Jarolin sagt zu mir: ,Ist das der Mann?‘ Ich! ,Ja.‘ Der Ostermaier platzt heraus: ‚Was machst du an meiner Arbeitsstelle, wenn mir etwas passiert ist, dann geht das dich einen Dreck an, verstehst du. Mach du deine Arbeit und kümmere dich nicht um mich.‘ Jarolin und die SS mit den Hunden verduften. Unterdessen wurde Hochet Neckel aus dem Bunker zur SS gebracht. Er hatte sich missbilligend über die Führung der Fabrik ausgelassen, als wir der Sabotage verdächtigt worden waren. Dort sitzt Jarolin, der sich wie folgt äußert: ‚Da kommt ja der Kerl, der die deutschen Meister nach dem Kriege hängen will.‘ Neckel hatte im Bunker genügend Zeit, um sich seine Antwort zu überlegen, und er sagt: ‚Das war nicht so gemeint. Da keiner von uns sich der Sabotage schuldig gemacht hatte, war ich derart aufgeregt, als der Obermeister meinem Kollegen Hennen 15 mit einer Meldung, wegen Sabotage drohte. Aus diesem Grunde ließ ich mich zu einer ähnlichen Bemerkung hinreißen.‘ Hochet 16) wird daraufhin wieder ins Lager zurückgebracht. Bei Neckel und Jängi 17) arbeitet ein gewisser Otto. Er ist Bayer. Ich kenne nur seinen Vornamen. Dieser hatte sich erboten, dem Neckel Kleider mitzubringen, um aus dem Lager zu flüchten. Ich gebe ihm zu bedenken was mit uns passiert, wenn er verschwindet. Ich glaube, er wollte selbst nicht weg. Ja, wir befinden uns ständig in Lebensgefahr, und dies bereits für eine Kleinigkeit. Dem Thielen Jängi aus Gilsdorf schlägt man beim Appell die Nieren kaputt, und dies wegen einer Nichtigkeit bei der Arbeit. Auch Lenert Vic 18) wird erwischt.
Er hatte für seinen Bruder, welcher ein Hotel in Bedfort hat, den Plan für eine neue Kegelbahn gezeichnet. Für die Nazis war es ein Fluchtplan. Er hatte das Glück, noch mit einem blutigen Gesäß davonzukommen. Von der Nachtschicht kamen wir wieder ins Lager. In der Eingangspforte wird uns gesagt. Heute geht keiner zum Block. Alle marschieren zur Latrine.‘ ,Im Gleichschritt, marsch, marsch, links rechts, links rechts.‘ Auf beiden Seiten steht alle 10 Meter ein SS mit Maschinenpistole. Bei der Latrine steht ein Galgen. Der Strick wartet auf jemanden, der sich über den Boden zerren lässt. Von den Kapos wird er geschlagen. Als er den Galgen sieht, erlahmt jede Gegenwehr. Er geht willig mit. Eine Art Melkschemel steht unter dem Galgen. ,Rauf auf den Stuhl‘, kommandiert ein SS. Jarolin nähert sich. Er liest vor. Ein Urteil aus Berlin. Wegen Sabotage ist der Mann zum Tode verurteilt. Ein Kapo steht neben ihm. Er legt ihm den Strick um den Hals. Wir hören die Worte des Delinquenten: ,Vive Stalin‘. ,Weg!‘ ruft Jarolin. Der Kapo stößt mit dem Fuß gegen den Dreibeinstuhl. Der Junge fällt ins Seil, strampelt mit den Füßen. Seine Hände sind auf den Rücken gefesselt. Zwei SS ziehen ihm die Hose runter. Halten sich denBauch vor Lachen. Die Natur ist ihm abgegangen. Das Ganze ist so entsetzlich, dass ich es nicht im Detail beschreiben kann. Vater im Himmel, sollte diese Bande ungeschoren davonkommen, dann ist unser Herrgott tot. ,Achtung, Mützen ab.‘ In Dreierkolonne müssen wir an dem Erhängten vorbeimarschieren. Uns wird gedroht: ,So werdet ihr einmal alle hängen.‘ Derjenige der nicht zu dem Erhängten aufblickt, bekommt den Knüppel auf den Kopf. ,Mützen auf, wegtreten!‘ ,Ich habe es euch doch gesagt, jeder SS-Mann, selbst der kleinste Grad ist euer Vorgesetzter.‘ Diese Worte wurden uns unzählige Male gesagt.
Hier gibt es einen solchen. Einen niederen Dienstgrad. Der will sich vermutlich einen Spezialurlaub verdienen. Er geht umher. Schaut uns an. Führt einen Hund an der Leine. Einer der Russen hört um 16:40 Uhr mit der Arbeit auf und beginnt damit, seine Maschine zu säubern. ‚Du sollst arbeiten!‘ schreit der SS ihn an. Der Hund beißt den Russen ins Bein. ‚Mach schon!‘ Der junge Russe spannt den Zylinder ein, zerrt ihn fest. Der Hund hängt noch immer an ihm. Die Maschine läuft auf Hochtouren. Durch das Vibrieren dringt der Stift zu tief ins Material, Rums, ein Krachen. Der Zylinder mitsamt der Einspannvorrichtung fliegt dem SS am Kopf vorbei. Der Hund drängt den Russen in die Reihe der zum Abmarsch bereitstehenden Kolonne. Die Welle der Maschine, an der der Russe arbeitete, war bereits einmal defekt. Wurde stümperhaft zusammengeschweißt. Am darauffolgenden Tag arbeitet der Junge wieder an der gleichen Maschine und dies ungeachtet der Hundebisse und der Prügel die er bezogen hat. Auf eine Beschwerde des SS hin, hat Frisör Hofrichter den jungen Russen der Sabotage bezichtigt. Er kommt noch genau 6 Wochen mit zur Arbeit. Bis das Urteil von Berlin bestätigt ist. Wir kommen von der Arbeit. Man bindet dem Jungen die Arme auf den Rücken. Man bringt ihn zur Latrine. Die Belegschaft macht einen apathischen Eindruck. Keiner ist mehr imstande sich Gedanken über die Hintergründe der Bestialität zu machen, mit welcher dieses System funktioniert. Man sieht überall nur ausdruckslose Augen. Niemand lacht. Schuld an dieser Lethargie ist sonder Zweifel in erster Linie der Hunger. Dann kommt der ständige Stress an der Arbeitsstelle. Die widersprüchlichen Anordnungen der SS-Bewacher. Ihre Verachtung die sie den Häftlingen entgegenbringen. Dies alles trägt dazu bei, dass die Leute hier nicht mehr in der Lage sind, normal zu denken. Sich über irgendetwas zu freuen, dazu sind nur noch wenige in der Lage. Und gerade dies ist das Ziel des deutschen Systems: Die Leute psychisch fertig zu machen. Ein durch Hunger geschwächter Körper hält die Strapazen nicht lange aus. Aber hier hat die Natur für einen gewissen Ausgleich gesorgt. In jeder Nation hatte sie den Samen des Widerstandes gestreut, denn es gab viele, die nicht gewillt waren, sich der Nazidiktatur zu beugen. An diesen Menschen nahmen viele sich ein Vorbild. Auf die Jugoslawen und die Tschechen konnte man bauen.
Es gab auch gute Deutsche. So zum Beispiel der Berliner, mit dem Wehrmachtswinkel. Durch eine Kinderkrankheit stand sein Gesicht ganz schief. Als Kraftfahrer hatte er am Einmarsch der deutschen Wehrmacht ins Großherzogtum teilgenommen. In Vianden hatte er gesehen, wie deutsche „Helden“ (der Ausdruck stammte von ihm) den ,Bommenzinnes‘ in die Our geschmissen hatten. Ja, der gute Lamek, 19) hat mir in seinem Berliner Dialekt vom Polenfeldzug erzählt. Oft hatte er den Einwohnern in den Ortschaften gute Ratschläge gegeben. Dauernd hatte er seinen Truppenteil verloren. Aus diesem Grunde war er bei uns in der Fabrik gelandet. Er hatte und wollte mit niemandem Krieg. Der abtrünnige Soldat der deutschen Wehrmacht kommentierte jeden Wehrmachtsbericht auf die ulkigste Art und Weise. Mit dem Humor der Tschechen kann jedoch keiner mithalten. Hier ein beliebter Witz von ihnen: ‚Ein Tscheche geht zur Polizei und sagt: ,Ein Schweizer hat mir meine russische Uhr gestohlen‘. Darauf der Kommissar: ‚Ein Russe hat ihnen ihre Schweizer Uhr gestohlen.‘ ,Das haben sie gesagt, Herr Kommissar.‘ Srajewski, mit seinen dicken roten Backen macht jeden Tag 30 Zylinderköpfe, ohne zu pfuschen. Er weiß auch anderweitig seine Finger zu benutzen. Jeden Tag liefert er ein neues Paar Pantoffeln ab. Stoff, Zwirn und Nadeln bringt ihm ein Zivilist aus Dachau mit. Der hat jedenfalls Mut. Kommt jeden Tag mit einem Rucksack. Das Brot ragt oben frei heraus. Trifft er einen SS und wird gefragt: ,Wohin mit dem Plunder?‘, ist seine Entgegnung stets dieselbe, und zwar sagt er jedes Mal: ,Kümmere dich um deinen eigenen Dreck.‘ Darauf setzt er seinen Weg fort, ohne weiter behelligt zu werden. Für ein Paar Pantoffeln gibt er dem Ukrainer ein ganzes Brot. Dieser allerdings gibt, soweit ich weiß, keinem einen Bissen davon ab. Er, jedoch, kaut ständig. Der Zivilist aus Dachau muss jemanden kennen, der Hand über ihn hält, denn diese Sache geht bis zum Schluss.
Im BMW-Werk ist alles korrupt. Alle diese ,Herren‘ sind Schieber und Saboteure. Einmal nachts gibt es in Block 7 ein fürchterliches Geschrei. Willi kommt mit einer Taschenlampe angelaufen. Die Russen haben einen Kurzschluss fabriziert. Sie haben sich einen der ihren vorgeknüpft. Dieser stimmt ein fürchterliches Geschrei an. ,Alles aufs Bett‘, schreit WiIIi. Er reißt einen viereckigen Stempel von einem Tisch und schlägt drauf los. Er bekommt sie alle aufs Bett. Nur einer bleibt liegen. Es ist Arikin. Er hat eine ordentliche Tracht Prügel bezogen. Er war dabei beobachtet worden, wie er einem Kameraden Brot stehlen wollte. Auch mir hatte er bereits den Rest aus einem Paket geklaut. Jetzt hat er das bekommen, was er verdient hat. Willi macht ihn wieder munter. ,Du Aas von einem Brotdieb. Das nächste Mal zeige ich dich an.‘ Das ist typisch für Willi, denn trotz seiner Drohung würde er niemanden anzeigen. In Afrika ist der Krieg vorbei. Den Radiomeldungen zufolge haben die Deutschen den Feind allerdings aufgerieben. Sie ziehen sich nur in bessere Stellungen zurück. Wir hören viel später auch die Feierlichkeiten von Rommels Begräbnis. Wir kommen von der Nachtschicht. Liegen auf dem Papiersack. Mama mia, Mama mia, wenn diese Kälte anhält, dann sterben hier die Leute. Die Stimmung ist mies, der Krieg dauert schon zu lange.
Draußen stehen Schilder: ,Eine Laus, dein Tod.‘ Läuse habe ich keine. Wer mit Petroleum arbeitet hat keine Läuse. Aber Flöhe, dagegen ist kein Kraut gewachsen. Tagsüber geht es, aber nachts. Dann die Wanzen. Die sind noch schlimmer als die Nazis. Sie stinken und sind schmutzig. Sie fallen aus den Säcken mit Hobelspänen. Sie fallen von der Decke. Ist man eingeschlafen, so kommt es vor, dass eine auf dem Augendeckel sitzt. Öffnet man die Augen, dann werden sie gequetscht. Dann ist das Auge jedes Mal zugeschwollen. Derartige Spuren habe ich am ganzen Körper. Nachts ist unser Block vollbelegt. Die Vordertür ist geschlossen. Wer den Darm entleeren will, muss nach draußen. Muss jemand urinieren, steigt er auf einen Schemel und harnt in ein großes Benzinfass, welches im Block steht. In der Dunkelheit wirft fast jeder den Schemel um. Er kracht dann jedes Mal auf den Beton. Wenn ich nachts urinieren muss, ziehe ich mir immer die Schuhe an, denn in der Mitte des Flurs steht der Urin in Pfützen. Die Leute huschen umher, wollen mit den Händen zupressen, aber das Wasser quillt ihnen zwischen den Händen hervor. Wird dann um 4 Uhr das Licht eingeschaltet, befindet sich eine größere Urinlache im Flur. Das Wasser läuft durch den Gang bis zur Tür hinaus. Fast jeder hat in der Nacht seine Blase entleert. Das Fass ist bis zum Rande voll. Dass viele Barackeninsassen in der Nacht mit spontanen Darmentleerungen zu kämpfen haben, beweisen die vielen Spuren, welche vom jeweiligen Bett bis zur Tür hinausführen. Nach Kölnischwasser riecht es jedenfalls nicht. Jauche ist sogar noch ein gelinder Ausdruck, um diese Zustände zu beschreiben. Dann heißt es: ,Aufstehen die Fassträger her. Alles saubermachen, gleich kommt Kaffee‘. Saubermachen ist für den Stubendienst. Bettenmachen gilt für jeden Einzelnen Fassträger, das geht der Reihe nach. War die Reihe an mir, reißt ein Russe, egal wer, mich weg (du nix). Ich hätte mich nicht gedrückt, doch sie lassen nicht zu, dass ich anfasse. Natürlich müssen jedes Mal mehrere 10-liter-Eimer aus dem Fass geschöpft werden, bevor man es wegbringen kann. Dann ist da noch der Jäng. Von Kopf bis Fuß ist er schwarz durch verkrustete Flohbisse. Ich gebe ihm den Rat, sich ordentlich zu schrubben. Wegen der unzähligen Verkrustungen will er nicht. Von Willi bekommt er sogar Schläge, weil er nicht zum Waschen geht. Jäng ist Junggeselle. Sein Vater und seine Mutter sind bereits verstorben.
Ein Paket für mich auf der Poststube. Jäng ist auch jetzt zur Stelle. Ich habe nicht nur ein Paket bekommen, sondern gleich zwei. Davon eines von meiner Frau. Das zweite Paket ist groß und rund. In demselben befindet sich ein Brot. Ein frischgebackenes Brot. ‚Ach wie gut das riecht, ich bin halb verhungert‘, sagt Jäng. Auch ich habe Hunger. Mit meinem Zigeunermesser habe ich das Brot übers Kreuz in vier Stücke zerlegt. Ich reiche Jäng ein Stück davon. Er hockt sich auf ein Bett und kaut. Ich gehe für kurze Zeit weg, um mir aus der Kantine für 50 Pfennige eine Suppe zu holen. Die gibt es nur einmal in der Woche. Nachdem ich mich hingesetzt habe, steht Jäng plötzlich neben mir. ,Jetzt habe ich nichts mehr für Morgen‘, sagt Jäng. ‚Wo ist denn das Brot?‘, frage ich ihn. ,Das habe ich gegessen‘. ,Merde, Jäng, dann hast du ja einen Magen wie ein Kleiderschrank. Wenigstens 5 bis 6 Pfund Brot, ohne einen Schluck zu trinken. Wo gibt es das?‘ Einen Bissen hättest du mir lassen können, um zu schmecken.‘ ‚Ja, Nicki‘ entgegnet Jäng, ,aber ich war so hungrig.‘ Ich sage Jäng, dass er sich schämen soll. Trotzdem gebe ich ihm noch eine Portion. Er geht daraufhin in seinen Block. Für mich hätte das Brot für drei Wochen gereicht, denn ich rechnete mit noch schlechteren Zeiten. Ich esse nur kleine Häppchen. Kann deshalb den anderen immer wieder etwas abgeben. Es gibt Momente, wo die Pakete infolge der massiven Bombenabwürfe über Deutschland ausbleiben. Dann muss man es trotzdem aushalten können. Einmal abends, als ich bereits meine Suppe und mein Stück Brot vertilgt habe, kommt Strieff Jäng 20 von Block III. ,Geh mit mir Neckel‘, sagt er. Der Strieff Jäng ist für uns alle ein guter Freund. An den Feiertagen, an denen mal keine Schindereien auf dem Programm stehen, finden wir uns in Block V zusammen. Hier wird geweint, gelacht, geplant und gesungen. Jäng wird dann jedes Mal aufgefordert, ein Lied zu singen. Müller Jempi 21) bringt ihn immer dazu. Mit seiner wohlklingenden Stimme singt Jäng dann Lieder, dass es uns weh ums Herz wird. ,Du wirst immer magerer Neckel‘, sagt er. ,Ich habe Kartoffeln für dich.‘ Bei unserem Gespräch in Block V war nämlich die Rede davon, was jeder sich zum Essen wünsche, wenn er nach Hause käme. Der eine nannte dies, der andere das. Ich meinte, mit einer Schüssel gebratener Kartoffeln wäre ich bereits zufrieden. ,Hier Neckel, hier hast du gebratene Kartoffeln. Ich kann dir sagen, es sind alles Reste von der SS, aber sauber. Nun iss dich satt ...‘ So wie die Leute heute Kartoffeln essen, hätte es für 20 Mann gereicht.
In fünf Minuten habe ich die Schüssel geleert und ausgeleckt. Ich bedanke mich bei Jäng, unserem Caruso. Ich habe meinen Magen arg strapaziert. Jetzt kann ich wieder fasten. Der Escher Braumeister, Müller Jempi 22), ist Chef im Kartoffelkeller. Er ist ein Unikum, wie seinerzeit ,Baggermisch‘ in Hinzert. Jempi reagiert überaus schnell, wenn ein SS kommt. Er kann sehr laut schreien. Hier sitzen die Leute, um sich die Taschen mit Kartoffeln zu füllen. ,Glaubt nur nicht, man hätte uns die Kartoffeln geschenkt‘, sagt Jempi. ,Die kommen alle von der SS.‘ Für Tabak bekommen wir von den kriegsgefangenen Russen Kartoffeln, die diese durch den Maschendraht hindurch reichen. Neuerdings kochen wir hier elektrisch. Ich habe ein Stück 5-Millimeter-Draht bei einem Elektriker organisiert. Ein Stück Stahlrohr, einen Eimer und eine eiserne Platte. Ein Russe steckt die Drähte in den Stecker. Das Wasser im Eimer erhitzt sich. In 10 Minuten sind die Kartoffeln gar. Eine Pellkartoffel, welch ein Genuss. Doch der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Plötzlich ein heftiger Knall. Alle Räder stehen still. Von A 8 bis L 8. ,Jungens, jetzt nichts wie weg.‘ Die Kartoffeln verschwinden. Der Kocher löst sich in Einzelteile auf. Ich schreibe eine Arbeitskarte für die Elektriker. Ich will diese zu ihnen bringen. Auf H1 ist jedoch eine Postenkette, die muss ich überwinden. Es ist ja nicht zum ersten Mal. Über dem Strammstehen, reiße ich die Mütze vom Kopf. ,Bitte diese Arbeitskarte in den Elektrikerkasten stecken zu dürfen.‘ ,Hau ab, Kerl, es ist Kurzschluss auf der ganzen Arbeitsfolge.‘ Dann darf ich die Karte trotzdem in den Kasten stecken.
Als ich mich auf den Rückweg mache, folgt ein Franzose mir gemächlichen Schrittes. Er trägt eine Geschirrtasche. Mein guter Franzose, der uns immer die neuesten englischen Nachrichten bringt, erklärt den Meistern, das Kabel sei kaputt. 15 bis 20 Mann bekommen jetzt einen Besen. Müssen kehren. Ich bin hellwach. Was kann alles passieren? Ich habe noch meine Einstellerbinde in der Tasche. Also kann es für mich noch einmal glimpflich ablaufen. Es ist 5 Uhr. Alles ging noch einmal gut. Wir gehen in unsere Baracke. Am anderen Tag ist der Strom wieder da. Wir haben jetzt ein anständiges Kabel. Das andere war zu dünn. Wir kochen wieder Kartoffeln. An den Drehbänken arbeiten jetzt Franzosen, die freiwillig nach Deutschland kamen, um zu arbeiten. Ihr Einsteller ist ,Violette‘. Er wurde in Paris entlassen. Hat eine kranke Frau. Er fand in Frankreich keine Arbeit. ,Ich muss versuchen, am Leben zu bleiben‘, meint ,Violette‘ (Pseudonym). Aber er hat es besonders schwer, weil er es mit einer Menge leichtsinniger Burschen zu tun hat. Noch richtige Buben. Hier läuft ein hutzeliges polnisches Mädchen von einem Büro ins andere. Sie macht sich sonderbar aus, in ihrer zivilen Kleidung. Ein junger Bursche aus der Mannschaft von ,Violette‘ ist immer hinter dem Mädchen her. Steckt ihm heimlich einen Brief zu. Sie verbirgt den Brief in ihrem Kleid.
Ein SS hat den ganzen Vorgang verfolgt. Er nimmt dem Mädchen den Brief ab. Das arme Kind! Wir sehen es bestimmt nicht wieder! ,Pius‘ nimmt sich der Sache an. Er sucht nach einem Dolmetscher. Der Kapo bezeichnet mich. ,Pius‘ hält den Franzosen an der Schulter fest. Er hat ihn bereits arg zusammengeschlagen. Er muss mit ins Büro von ,Pius‘. Ein Kapo folgt mit dem Knüppel. ,Du kannst Deutsch und auch Französisch‘ werde ich gefragt. ,Es geht‘, antworte ich. Nein sagen, das darf ich nicht. Um zu sagen, es wären ja noch andere da, das wäre feige gewesen. ,Übersetz diesen Brief, und zwar Wort für Wort‘ fordert ,Pius‘ mich auf. Ich halte den Brief in der Hand, schüttele den Kopf, lache laut. ,Na wird's bald‘, herrscht mich ,Pius‘ an. Ich übersetze: ,Liebes Fräulein, sie gefallen mir, ich liebe schöne Mädchen. Deine Kleider gefallen mir. Ich liebe dich.‘ Während ich übersetze, lache ich. Noch immer lachend gebe ich ,Pius‘ den Wisch zurück. War der wütend. In seinem Zorn reißt er den Brief in Fetzen und wirft die Überbleibsel in den Mülleimer. Dem Franzosen aber verabreicht er einen heftigen Fußtritt ins Gesäß und schickt ihn wieder zur Arbeit. ,So ein verrückter Idiot‘ meint ,Pius‘. Ich lache noch immer. Ich hatte wohl allen Grund zum Lachen. Der Franzose hatte das Mädchen in Wirklichkeit um Kleider gebeten, um zu flüchten. Ein Dümmerer, als ich bin, ist wahrscheinlich nicht zu finden, Dies hätte wiederum schlimme Folgen für mich haben können. ,Violette‘ macht sich Sorgen um einen Jungen aus Gerardmer, der bei uns an der Bohrmaschine arbeitet. Er heißt mit Vornamen Rene. Sein Nachname ist mir entfallen. ,Wenn es mit dem so weitergeht‘, meint Violette, ,dann kriege ich ihn nicht mehr mit nach Hause. Das ist ja nur noch ein klapperndes Knochengestell‘ ,Pass einmal auf, ob der sein Brot isst?‘ Ich lasse Rene nicht aus den Augen. ,Pius‘ pfeift zum Antreten. Um 9 Uhr hat einer nach dem anderen Brotzeit. Heute, nach 6 Wochen, gibt es ein Stückchen Margarine, sonst immer eine Scheibe Wurst. Ich stehe als Dritter hinter Rene. Er sieht mich nicht, aber ich bin hinter ihm. Er geht nicht, nein er läuft auf die Toilette, hebt ein Stück Zeitungspapier auf, wickelt seine Margarine hinein und fort ist er. Ich laufe ihm nach. Er steht jetzt mit gebeugtem Rücken auf Folge III. Er hält die Margarine und das Brot in der Hand.
Ein Pole, welcher hier das Passloch bohrt, gibt Rene eine Handvoll dürrer, grüner Blätter Tabak aus einer Packung, die er von seinen Eltern aus Berlin geschickt bekommt. Rene nimmt an, gibt dem Polen sein Brot und die Margarine. Er ist sichtlich zufrieden. Ich gehe hin. Ich sage ihm, dass er sein Brot und seine Margarine selbst essen soll. Trotzig antwortet er mir, dass das mich nichts angehe. Ich stehe vor ihm. ,Mein Sohn, du wirst jetzt dein Brot essen.‘ ,Das ist meine Angelegenheit‘, antwortet er mir, ,ich mache was ich will.‘ Ich verabreiche ihm eine schallende Ohrfeige. ,Jetzt kannst du deiner Mutter sagen, ein Luxemburger hätte dich geohrfeigt, weil du dein Brot für Tabak verkaufen wolltest.‘ Er läuft zu Violette. Will sich beschweren. Lächelnd winkt der mir zu. Rene ist wütend. Weinend isst er sein Brot. Von den anderen Franzosen wird ihm eine tüchtige Standpauke gehalten. Allmählich beruhigt er sich. Er kommt wieder zu mir an die Maschine. Später bedankt er sich.“ 23)
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1) Wurmseder, Werkmeister im Werk Allach. Deutscher Zivilarbeiter bei BMW. Nicht ermittelt.
2) Kleinmeister, Werkmeister im Werk Allach. Deutscher Zivilarbeiter bei BMW. Nicht ermittelt.
3) Ausgehärtete Leichtmetalllegierung [„Knetlegierung“] mit besonders hoher Festigkeit, die im Flugzeugbau verwendet wurde.
4) Gregor Arikin, * 1.1.1914 in Donbaz, # 45748, Koch, Russe. Arikin kam mit dem Transport vom 5.3.1943 aus Flossenbürg direkt nach Dachau-Allach. Vgl. ITS 1.1.6.7\ARG-BAH\0033. 5) Roger Lecomte, * 27.7.1927 in Barbey Oranges, Kreis Vosges, # 74947, Landwirt, Sch., led., kath., Franzose, wurde am 3.5.1944 in Oranges verhaftet und von der Stapo Lyon über das KZ-Dachau nach Allach überstellt. Schreibstubenkarte: ITS 1.1.6.7\LAST-LEIBR\1114 und Häftlings-Personalkarte: ITS 1.1.6.2\LEC-LEI\Q0056063\.
6) Wladislaus Krajewski, * 00.10.23 in Warschau, # 42056, Arbeiter, Sch., led., kath., Pole, kam am 10. Januar 1943 über die Stapo Salzburg in das Außenlager Dachau-Allach. Schreibstubenkarte: ITS 1.1.6.7\KOVACS-L-KRAUQ\1194 und Häftlings-Personalkarte: ITS 1.1.6.2\KOZ-KRAT\00050886\.
7) Grigori Garifullin, * 15.5.1910 in Kutschkowo, # 43672, Landarbeiter, Russe. Wurde am 14.2.1943 über das KZ-Flossenbürg direkt nach Dachau-Allach überstellt. Schreibstubenkarte: ITS 1.1.6.7\GAIL-EIR\0846.
8) Emil Massi, * 2.3.1898 in Stuttgart, # 423 76, Steinbrecher, Sch., verw., ev., Deutscher. Nachtwächter aus Stuttgart-Cannstadt. Massi kam am 15.1.1943 über die Stapo Stuttgart nach Allach. Vgl. Schreibstubenkarte: ITS 1.1.6.7\MARTIN-MAYA\0817.
9) BMW-Werkmeister „Frisör“ Hofrichter.
10) Stefan Srachtschiwskij, * 26.9.1907, # 46294, Schlosser, war am 5.3.1943 über das KZ-Flossenbürg direkt nach AIlach überstellt worden. Srajewski hieß laut Arbeitsbuch Srachtschiwskij. Vgl. ITS 1.1.6.7\SPO-STEID\0174.
11)Ernest Kox, * 26.1.1913, # 46749, Rechtsanwalt, Sch., led., kath., Luxemburger. Vgl. ITS 1.1.6.7\ KOVACS-L-KRAUQ\0689.
12) Autobahn meint hier die ‚Lagerstraßenfrisur‘. Ein etwa 4 cm breiter Streifenschnitt über den Scheitel.
13) Johann Matthias Hennen, * 19.6.1908 in Mertert, # 45118, Walzer, Sch., Luxemburger, war am 5.3.1943 über das KZ-Natzweiler und Dachau direkt nach Allach überstellt worden. Vgl. ITS 1.1.6.7\HEI-HER\0804 und ITS 1.1.6.1\0001-0189\0022\0130.
14) Zivilarbeiter Ostermaier. Nicht ermittelt.
15) Johann Matthäus Hennen, * 19.6.1908 in Mertert, # 45118, Walzer, Luxemburger. Vgl. ITS 1.1.6.7\HEI-HER\Q804.
16) Nikolaus Hoschett, * 5.1.1911, # 45120, Walzer, Sch., Luxemburger. Wurde am 5.3.1943 vom KZ-Natzweiler über Dachau in das Außenlager Allach überstellt. Vgl. ITS 1.1.6.7\HOG-HRD\1446 und ITS 1.1.6.2\HORO-HUBH\00036485\.
17) Johann Thielen, * 9.11.1915, # 67267, Steinhauer, Sch., Luxemburger, war ab 14.12.1943 im Lager Hinzert inhaftiert und wurde am 28.4.1944 über Dachau in das Außenlager Allach überstellt. Vgl. ITS 1.1.6.7\THEV-TOTH\0057 und ITS 1.1.6.2\TEO-TIB\Q0101630\.
18) Victor Lenert, * 25.1.1905, # 47408, Zollbeamter, Sch., Luxemburger. Wurde am 28.4.1943 über Dachau nach Allach überstellt, später nach Blaichach verlegt, Vgl. ITS 1.1.6.7\LEIBS-LEWE\0518 und ITS 1.1.6.2\LEJ-LETT\Q0056666\.
19) Valentin Lamek, * 25.11.1916, # 36307, Kraftfahrer, Sch., SAW, Deutscher. Lamek war am 11.11.1940 von der Gestapo verhaftet worden und bis 26.4.1941 auf dem Truppenübungsplatz Wanders bei Frankfurt an der Oder in einer Strafabteilung und wurde danach vom 27.7.1941 bis 27.9.1941 in das KZ-Sachsenhausen überstellt. Vgl. 1.1.6.7\LACHN-LASS\0680, vom 28.9.1941 bis 28.1.1942 im KZ-Groß-Rosen, ab 31.1.1943 bis zur Befreiung im KZ-Außenlager Dachau-Allach. Lamek wurde als Deserteur und Wehrmachtsaboteur geführt. Vgl. ITS 1.1.6.2\LACL-LANF\O0054663\.
20) Johann Striff, * 2.10.1910, # 45166, Kranführer, war aus Protest gegen die Annektion Luxemburgs am 15.12.1942 in Luxemburg verhaftet worden, befand sich vom 7.1. bis 28.1.1943 im Lager Hinzert. Vom 28.1. bis 2.3.1943 in Sachsenhausen, von dort über das KZ-Flossenbürg direkt in das Außenlager Allach bis zur Befreiung. Vgl. ITS 1.1.6.7\MROS-NAG\0854 und ITS\1.1.6.2\STRAZ-SUCHAS\00097875\.
22) Johann Peter Müller, * 27.9.1904, # 45123, Walzer, wurde am 5.3.1943 vom KZ-Natzweiler über das KZ-Flossenbürg direkt in das Außenlager Allach überstellt. Vgl. ITS 1.1.6.7\MROS-NAG\0473 und ITS 1.1.6.2\MOSF-MÜLLEQ\ 00067392\.
23) Politischer Schutzhäftling Hoffmann Nicolas, G.R.E.G. (Groupe de Recherches et d‘Etudes sur la Guerre 1940-1945), übersetzt von Paul Heinrich, Ettelbruck 2004. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.
Foto: Porträt von Nikolaus Hoffmann, gemalt im KZ-Außenlager Dachau-Allach Weihnachten 1944. Der Preis: 1 Stück Brot gemalt von Nikolaj Bondarenko, * 00.5.1923, # 82804, Schlosserlehrling. Sch., Russe. Vgl. ITS 1.1.6.7\BOM-BRAC\0163.
Schreibstubenkarte: ITS 1.1.6.7\HES-HOF\1659.
