Meier Mulsztajn

KZ-Häftling im O.T.-Lager Allach-Karlsfeld

Majer Mulsztejn, * 21.1.1921 in Slomniki, # 114027 (159202), Sch, Schlosser, Pole. Majer Mulsztejn war einer von mehreren jüdischen Häftlingen, die vor der heranrückenden Roten Armee aus dem Lager Tschenstochau (Czestochowa) über Buchenwald nach Laura deportiert wurden. Diese erreichten Buchenwald am 18.1.1945. Von dort aus kamen 195 dieser Häftlinge, unter ihnen Majer Mulsztejn, am 30.1.1945 in das Außenkommando nach Laura. Die jüdischen Häftlinge in Laura trugen keinen Stern. 1)

Über seine Evakuierung von dort nach Allach berichtete er: „Ich war in Allach ganz kurze Zeit vor Kriegsende im Jahre 1945. Ich bin nicht in der Lage genauer die Zeitlänge zu bezeichnen, auch nicht den Zeitpunkt meiner Ankunft und Verlassens des Lagers. Im Lager Allach hatte ich keinen der Funktionäre von der Lager[führung] oder Bewachung gekannt. Ich war auch kein Augenzeuge irgendeiner direkten Tötung in Allach. Was ich dort erlebte, gehört trotzdem zu den erschütternsten Erlebnissen meines Lebens. Ich kam vom Arbeitskommando Laura (gehörte zum KZ-Buchenwald). Im [Kommando] Laura 2), wo wir unterirdische Tunnelle in den Munitionswerken erweiterten, waren außer Juden auch Deutsche, Russen, Italiener und andere. Laura wurde vor Annäherung der Front evakuiert. 3) Wir wurden auf [die] Eisenbahn geladen, die Nichtjuden wurden nach Dachau, die Juden nach Allach verbracht. 4) Unsere Zahl belief sich auf 200 Mann. 5) Im Lager angekommen, sah ich gleich beim Lagertore drei meiner Landsleute, die halbnackt herumgingen. Keiner hatte Hosen an. Der eine war in eine Decke gewickelt, der
andere nur im Mantel. Auf Befragen klärten sie mich auf, daß ihre Kleidung zur Entlausung genommen und nicht zurückgebracht wurde. Wir wurden in Baracken, in denen nur verfaultes Stroh lag, einquartiert. Wir hatten überhaupt keine Verpflegung erhalten. [Es gab] auch keine Behandlung der ärztlich Hilfsbedürftigen. 

Nach Tagen, als ich schon vor Hunger kaum die Umgebung vernahm, sah ich, wie einige Leidensgefährten faulige Knochen nagten. Mein Nachfragen hatte die Quelle der Knochen entdeckt. Die Elenden gruben die oberflächlich verscharrten Leichen der Umgekommenen aus und, vor Hunger von Sinnen, nagten sie an den Gebeinen. Nach Verlauf von kurzer Zeit wurde uns gesagt, wer sich zum Tore begibt, um auf den Transport zu gehen, bekommt einen halben Laib Brot. Ich nahm alle Kräfte zusammen und erschien im Tore. Ich hatte tatsächlich den halben Laib erhalten und wurde mit großer Zahl - die ich nicht bezeichnen kann einwaggoniert. - Unsere Fahrt dauerte einige Tage - ich kann mich auf keine genauere Definierung einlassen. Unweit Staltach - beim Dorfe Jüfeldorf [Iffeldorf] in Oberbayern erreichten uns die Befreier in Gestalt amerikanischer Truppen.“ 6)

Über die Ereignisse in Tschenstochau 7) und die Verlegung von dort in das KZ Buchenwald erinnerte sich Mordchay Weinryb, der mit dem selben Transport wie Mulstein in Buchwald ankam. Er schrieb: „Ich gehörte der jüdischen Kampfgruppe ZOB an, das heißt, der Zydowska Organizacja Bojowa [„Jüdische Kampforganisation“]. 1943 kämpfte ich im Aufstand des Ghettos von Czestochowa. (...) Die Überlebenden kamen in die in der Stadt befindliche Fabrik HASAG. Das war ein deutscher Rüstungsbetrieb und zugleich ein Zwangsarbeiterlager. Dort arbeitete ich bis 25. Januar 1945, entweder in der Tag- oder in der Nachtschicht. Nach der Befreiung Warschaus durch die Rote Armee am 17. Januar 1945, näherte sich diese im Rahmen ihrer großen Offensive Czestochowa. 2.000 jüdische Menschen wurden durch die Rote Armee befreit. Ich arbeitete gerade in der Nachtschicht und befand mich in einer Baracke, als die Faschisten uns, es waren 25 Grad Kälte, ins Freie trieben. Man kann sagen, halbnackt. Mit Hunden gejagt, verlud man uns wie Vieh, jeweils 120 Menschen in einen Waggon gepfercht. Wir zitterten vor
Kälte, vor Hunger, blieben ohne Wasser. Vier Tage und vier Nächte waren wir unterwegs, bis wir spät in der Nacht in Buchenwald ankamen. Man prügelte uns, nackt ausgezogen wurden wir mit kaltem Wasser und Chemikalien übergossen, das nannten sie „Desinfektion“. Unsere Leiber brannten wie Feuer. Wir erhielten gestreifte Häftlingskleidung und kamen ins „Kleine Lager“, das jüdische Lager. Es war ein Todeslager mit schrecklichen Bedingungen. Nachdem wir um 5.00 Uhr, bei 25 Grad Kälte, auf dem Appellplatz antreten mußten, wurde mitgeteilt, daß ein Häftling geflohen sei. Deshalb standen wir drei Stunden. Erfrorene Häftlinge wurden auf Wagen geworfen und ins Krematorium gebracht.“ 8)

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1) Vgl. ITS 1.1.6.7\MROS-NAG\0888 und ITS 1.1.6.1\0001-0189\0135\0013.
2) Für Laura (kurz Lr, La) wurde auch die Bezeichnung „Waffen-SS Konzentrationslager Buchenwald Arbeitslager Saalfeld“ verwendet (u.a. auf Lagergeldscheinen), offizielle Anschrift für Häftlingspost war KL Buchenwald-Weimar, Block 17. Der Oertelsbruch als Untertageverlagerungsprojekt hatte die Tarnbezeichnung „Rotbutt“, das Rüstungswerk selbst wurde als „Vorwerk Mitte“ bzw. „Vorwerk Mitte Lehesten“ (abgekürzt VM, VML, Vorwerk Lee) im Unterschied zum „Vorwerk Schlier“ bei Redl-Zipf bezeichnet. Die O.T. (Organisation Todt) bezeichnete die Baustelle als „Bauvorhaben Oertelsbruch“.
3) Etwa 600 Häftlinge wurden von Laura an den etwa 10 km entfernten Bahnhof Wurzbach getrieben und von dort über Hof und Ingolstadt
nach Allach überstellt. „Die Fahrt erfolgte in offenen Güterwaggons mit nichts zu essen außer trockenen Haferflocken und rohen Kartoffeln; das Wasser zum Trinken kam aus der Lok oder dem Wasserkran an den Bahnhöfen. In Allach angekommen, wurden den Häftlingen sämtliche Kleidung wegen der Läuse abgenommen und Decken ausgeteilt, damit die Häftlinge ihre Blöße bedecken konnten.” Vgl.: Kessler, Die Hölle im Schieferberg, 1998, S. 121.
4) Wegen Überfüllung des KZ-Dachau wurden auch die Nichtjuden - 378 Häftlinge dieses Transportes - in das Außenlager Allach überstellt. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0135\0005.
5) Insgesamt 201 Häftlinge. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0135\0013.
6) Meir Mühlsztain, * 21.2.1921, BArch, B 162/16124, Blatt 22. 
7) Das Ghetto Tschenstochau existierte von 9. April 1940 bis September 1942. Danach arbeitete Mulsztain für die HASAG (Hugo und Alfred Schneider AG). Nach einem Aufstand blieben in der Stadt ungefähr 4000 jüdische Arbeiter zurück, um für den Rüstungsbetrieb HASAG zu arbeiten und dort im Lager gefangen gehalten wurden.
8) Die Befreiung der Häftlinge aus dem Evakuierungszug in Iffeldorf fand am 1. Mai 1945 statt.
9) Mordchay Weinryb, Ansprache auf der Gedenkveranstaltung am 11. April 2010 in der Gedenkstätte Buchenwald in: Das Blättchen, 13. Jahrgang, Nummer 9, 10. Mai 2010.

 

 

 

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