KZ-Häftling im „Frauenlager“ Allach
„Mein Weg nach Deutschland ins KZ
Am 5. April 1944 mussten sämtliche Juden Ungarns den Davidstern tragen. Es ist zu keinen Ausschreitungen und Judenpogromen gekommen, sondern umgekehrt. In vielen Fällen bewies uns die Bevölkerung ihre Anteilnahme.
Im Juni durften Juden nur noch in Judenhörigen Häusern wohnen, zugleich wurde die Ausgehzeit beschränkt und die Straßenbahn durfte nur im Anhänger befahren werden. Als das Kriegsgeschehen sich den Grenzen Ungarns näherte, übernahmen die ungarischen Pfeilkreuzler die Staatsmacht. Sie führten nicht nur Arbeitsdienst und Zwang ein, sondern erweiterten auch diese Maßnahmen auf uns Juden. Am 20.10. wurden alle männlichen Juden vom 14. Lebensjahr bis ins hohe Greisenalter verhaftet und verschleppt. Am 23.10. kam das Gesetz, dass sich alle jüdischen Frauen vom 16. bis zum 40. Lebensjahr zwecks Arbeitseinsatz zu melden haben. Frauen, die Kinder bis zu 1 Jahr hatten, wurden zurückgeschickt. Wir andere mussten Beköstigung für 3 Tage, Bekleidung und Decken mitbringen. Wir wurden immer zu 250 Frauen als Trupps zusammengestellt und nach Isaszeg (Szent György Puszta) in Marsch gesetzt. Es sind auf dieser Art abertausende von jüdischen Frauen in die Puszta verschleppt. Wir haben 3 Tage marschiert, wurden dann eingesetzt für Schanzarbeiten. Wir wurden von der ungarischen SS übernommen. Von ihnen wurden mehrere Frauen erschossen wegen Arbeitsschwäche und Arbeitsverweigerung, sie wurden gezwungen sich selbst ihr Grab zu graben. Wir haben die Schanzarbeiten 9 Tage verrichtet. Da die Russen immer näher heranrückten, war die SS gezwungen uns abzutransportieren. Während die Wehrmacht verlangte, uns nach Budapest zu schicken, beging die ungarische SS das Verbrechen, uns zu verschleppen, um sich selbst vor der Front zu drücken. Wir wurden in der Nacht um ½ 1 bis Morgen 8 Uhr im Gewaltmarsch nach Gödöllö geführt. Wir lagen an einem schönen Novembertag auf der Straße. Wir wurden streng bewacht, keiner konnte weg. Von abends 18 Uhr bis morgens 1 Uhr wurden wir wieder in Marsch gesetzt. Mit einer Ruhepause ging es um 4 Uhr weiter und kamen um 8 Uhr in Neupest an. Mit vollständig zerschundenen Füßen hat man uns stundenlang Kreuz und Quer durch die Stadt geführt. Nach 2 Stunden Mittagspause wurden wir weiter geführt auf die rechte Uferseite der Donau. Unser Transport war ca. 1.000 Frauen stark, als wir in Altofen am 7.11. einmarschierten. Hier übernachteten wir in einer alten Ziegelei, die wir morgens um 7 Uhr zum Weitermarsch verließen. Ab Altofen wurde unser Transport mit Männern gemischt und auf 2.600 erhöht. Von da ab an wissen wir, dass wir unsere Heimat verlassen müssen, wir werden von den Bestien verschleppt. Es zeigte sich, dass die Worte des Szalasi 1) grobste Lüge war, denn er hatte uns Juden versprochen, dass keiner bis zum Kriegsende aus der Heimat verschleppt werde. Von Altofen wurde uns eine tägliche Marschleistung von 38 bis 43 Kilometer gesetzt. Unser Ziel war Mosonmagyarovar, das wir in 7 Tagen erreichten. Die Tagesleistung musste eingehalten werden, gleichgültig die Zeit, die wir gebrauchten, ohne Rücksichtnahme auf Krankheit und Alter. Durch diese rücksichtslosen Gewaltmärsche hatten wir 20 Prozent Verlust an Menschen. Wir konnten keine Quartiere beziehen, mussten in Straßengraben, Marktplätzen unsere Ruhepausen und Nächte verbringen (...). Da die Amerikaner die Westfront durchbrachen wurde das Lager Kaufering am 24. April geräumt. Die Transporte gingen nach Dachau und Allach. Ich selbst kam mit 500 Frauen nach Allach am 26.4. Am 27.4. wurde unser Transport von Kaufering hier in Allach wieder zusammengestellt, um nach Tirol verschleppt zu werden. Mit 300 Frauen blieb Eva und ich in Allach. 2) Hier in Allach war der Hunger groß, wir bekamen mit 9 Frauen ein Brot von 1.500 Gramm, und 1 Lt. Dörrgemüse. Ich lernte zum ersten Mal im Leben den Wert eines Stück Brotes kennen. Am 28.4.1945 hatte die SS schon das Lager in Händen von Häftlingen übergeben. Wir warteten mit Ungeduld auf unsere Befreier, die Amerikaner. Aber noch bemerkten wir, dass wir unter Beobachtung von SS-Truppen standen. Am 29.4. hörten wir zum ersten Mal das Donnern der Geschütze. Die männlichen Häftlinge hatten Trupps organisiert und standen bereit, jeden Angriff der SS abzuwehren. Ca. 300 Meter hinter unserem Lager stand eine Flakbatterie, die vom Arbeitsdienst bedient wurde. Sie hatten Mittag den Häftlingen versprochen, die Batterie zu räumen, haben ihr Versprechen aber nicht gehalten. Die Häftlinge hatten überall Rotkreuzfahnen und weiße Flaggen ums Lager gehisst. Abends um 8 Uhr sausen die ersten Granaten der amerikanischen Panzer durchs Lager. Die Batterie antwortet und so liegen wir mitten im Feuerbereich. Die Häftlinge schalten die gesamte elektrische Beleuchtung des Lagers ein, sofort halten SS-Maschinengewehre aufs Lager, und beschießen die Baracken. Wir müssen das Licht löschen. Um diese Zeit sausen 3 Granaten ins Lager 2. und 3. Im Judenrevier werden 2 Häftlinge getötet. In unserem Frauenlager kommen wir mit dem Schrecken davon, müssen aber das Lager räumen und gehen ins Häftlingslager der Männer und verbringen die Nacht im Bunker. Morgens versuchen die Häftlinge uns in die Baracken der SS einzuquartieren. Mittags war dann die Stunde, wo die ersten amerikanischen Soldaten das Lager erreichten und uns aus den Händen der SS befreiten. Es gibt keine Worte, den Jubel, die Freude auszudrücken, die wir halb verhungerten Menschen empfanden, endlich, endlich wieder FREI zu sein (...).“ 3)
1) Ferenc Szalasi, * 6.1.1897 in Kaschau, Österreich-Ungarn, heute Slowakei; † 12.3.1946 in Budapest, Ungarn, faschistischer Politiker und Diktator Ungarns in der Endphase des Zweiten Weltkrieges.
2) Eva war die Schwester von Maria Tuskay. Insgesamt blieben 82 Frauen im Lager zurück. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0147\0201. Der Transport aus Kaufering mit 500 Frauenhäftlingen nach Allach konnte bisher nicht zugeordnet werden.
3) Maria Tuszkay, KZGSD Archiv 8343.
