KZ-Häftling im O.T. Lager Allach-Karlsfeld
„Im Mai 1944 wurde ich vom Ghetto Tjaschowa – in der Karpatoukraine - mit einem Transport von etwa 300 Juden - nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Mutter und Geschwister waren schon seit 1941 in Stanjslawow ghettoisiert, mir gelang von dort die Flucht. Ich kam bis nach Auschwitz mit meinem Vater, der zur Zeit der Deportierung meiner Familie beim ungarischen Zwangsarbeitsdienst gewesen war. Bei der Selektion auf der Rampe von Auschwitz verlor ich den Vater. Ich kam in das Zigeunerlager.
Nach etwa einem Monat habe ich mich auf einen fahrbereiten Transport eingeschlichen und kam mit etwa 200 Häftlingen nach Allach. Wir fanden im Lager Allach ungefähr dieselbe Zahl an Häftlingen vor, wie unsere Gruppe zählte. 2) Meine Gruppe stammte von den ungarischen Sprachgebieten. Die vorgefunden Häftlinge stammten auch zum großen Teil von ungarischen Gebieten. Die Funktionshäftlinge waren Deutsche. Ich erinnere mich an die Kapos Knoll 1) und Niemann (aus Hamburg), der mein Kapo war. Ich kann mich an keine weiteren Gruppen, die nach AIlach kommen sollten, erinnern.
Ich wurde von AIlach im November 1944 - im Krankenzustand - ins Krankenhaus nach Dachau verbracht. 2) Ich wurde dort befreit. (...) Die Wachmannschaften in der Zahl etwa 8 -12 Mann, gehörten zur SS. (...) Sie bewachten das Lager und begleiteten uns zur Arbeit. Meine Gruppe wurde in zwei Teile aufgeteilt, vielleicht auch in mehrere Gruppen. Erinnerlich ist mir, daß ein Teil von uns beim Kapo Knoll, ein Teil beim Kapo Niemann 3) arbeitete. Ich gehörte zur zweiten der beiden. Wir arbeiteten beim Bunkerbau im Walde. Wir haben Zement von den Waggons abgeladen und ein etwa 3 Etagen hohes Haus der Sager und Woerner Pförtnergebäude demoliert (nach Bombardierung). Beim Zementabladen bewachten uns SS-Angehörige, beim Bunkerbau waren es auch SS-Männer. Bei der Demolierung bewachten uns bewaffnete uniformierte Italiener.
Etwa Ende Oktober 1944 wurde der Leidensgenosse Isaak Schmilovits 4) des Diebstahls eines Stückes Brotes beschuldigt. Kapo Knoll meldete den Fall dem Lagerführer. Der Lagerführer befahl dem Schmilovits 25 Stockhiebe zu geben. Die Exekution erfolgte vor allen angetretenen Lagerinsassen. 5) Einer der SS-Wachmannschaften, ein etwa 40-jähriger, niedriggewachsener, dunkelhaariger Mann hatte die Strafe - im Angesicht des Lagerführers vollzogen. Schmilovits - ein gesunder starker Mann - verstarb kurz nach der Bestrafung. 6) Beim Marsche in und zu der Arbeit durfte keiner von der Reihe austreten - unter Drohung der Erschießung. Wir waren solcherart gezwungen, gehend in die Hosen zu urinieren. (...) In Dachau verblieb ich bis zur Befreiung. Nach Entlassung vom Krankenrevier war ich im Block 30 mit italienischen Offizieren, Deutschen, Russen, Norwegern, Holländern und Belgiern. Wir wurden eine Zeit - wegen Typhus isoliert. Etwa im Januar 1945 sah ich nahe zum Lagereingang einen etwa 30-jährigen Häftling am Galgen hängen.“ 7)
_______________________________
1) Christof Knoll, siehe Personenverzeichnis.
2) Der Transport umfasste über 500 Häftlinge. Vgl. 1.1.6.1\0001-0189\0141\0028 ff; Transport vom 18.6.1944, ITS 1.1.6.1\0001-0189\0025\0079 ff. Auf der Schreibstubenkarte ist ein ‚J' für Jude eingetragen, auf dem Häftlingspersonalbogen die rassische Zugehörigkeit „arisch“ durchgestrichen.
3) Kurt Niemann, * 22.8.1908 in Hamburg, # 2676, Kraftfahrer, AZR, verheiratet, 2 Kinder, ev., Deutscher. Vgl. ITS 1.1.6.7\NI-NOWN\0242. Kapo im O.T.-Lager Allach-Karlsfeld seit 12.8.1944. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0141\0027.
4) Isaak Smilovits, * 25.9.1899 in Alsokalinfalva, # 71257, Landarbeiter, verh., 2 Kinder, Jude, war am 18. Juni 1944 über Auschwitz in das O.T-Lager Rothschwaige und dann nach Allach überstellt worden. Smilovits erhielt am 29.12.1944 als Strafe 10 Stockhiebe. Vgl. ITS 1.1.6.7\SKS-SOK\0712 und ITS 1.1.6.1\0001-0189\0141\0028.
5) Strafmeldung: ITS 1.1.6.2\MARKES-MARTN\Q0061766\.
6) Nach der Schreibstubenkarte wurde Smilovits nach Kaufering überstellt. Die Strafe an Smilovits wurde durch den Lagerältesten Karl Lorenz in Dachau-Allach und dem Kapo und Otto Oertel vollstreckt. Vgl. ITS 1.1.6.2\SKU-SMN\00093851\.
7) Hers Markovitz, StaA München, Staatsanwaltschaften, 34814/2, Blatt 273 f.
1) Schreibstubenkarte: ITS 1.1.6.7\MANC-MARTlM\1345.
2) Häftlings-Personalkarte: ITS 1.1.6.2\MARKES-MARTN\00061766\.
