Gabriel Riviere

Häftling im KZ-Außenlager Dachau-Allach

„Ein Lager ‚wie alle anderen′ - nicht besser und nicht schlechter - war das Lager Dachau-Allach. Ca. 15 Kilometer nordwestlich von München gelegen, war dieses Lager, von dem man sagte, dass es für „besonders gefährliche“ Elemente reserviert sei, dem Lager Dachau zugeordnet, dem ‚Mutterhaus‘, das über zahlreiche ‚Filialen‘ regierte: Kaufbeuren, Landsberg, Kempten, Blaichach, Neckargerach usw.

Das Lager war für 3.500 Gefangene vorgesehen und im März 1945 mit ca. 14.000 Häftlingen überfüllt. Darunter einige hundert Frauen, meist ‚Zigeuner‘, die aus Ravensbrück und Auschwitz vor der heranrückenden sowjetischen Armee verlegt worden waren. 1) Im Herzen des ‚Rückzugsgebietes Bayerns‘ liegend war das Lager Dachau-Allach eines der allerletzten, das befreit wurde. Man lebte und starb dort wie anderswo. Aus Hunger, Kälte, Erschöpfung oder – die psychisch weniger robusten – aus Verzweiflung... Manche starben, den Trotz im Gesicht, am Galgen hängend, vor den in Habachtstellung erstarrten Häftlingen, unter dem Sarkasmus der SS und deren Chef, einem gewisser Müller, 2) der hohnlächelnd seine Zigarrenasche auf die nackten Füße des Hingerichteten staubte. Wie anderswo auch, war man in Allach ein ziviler Toter, vor der Welt versteckt, ohne Nachrichten von den Seinen, ohne Brief, ohne Gepäck, nur eine Kennnummer!

Im Juni 1944 bestand die Mehrheit der Häftlinge aus sowjetischen, deutschen und polnischen Deportierten. Die sowjetischen Deportierten waren meist ‚Kriminelle‘, die aus den Gefängnissen in der Ukraine (Kiew und Charkow) stammten. Sie waren zahlenmäßig viel stärker als die wirklichen Widerstandskämpfer und die Offiziere der unteren Ränge der roten Armee, die wegen Fluchtversuch und Staatsgefährdung in den Oflags (Lager der gefangenen Offiziere) eingesessen hatten.

Die deutschen Häftlinge - sowohl Kriminelle als auch politische Gefangene - besetzten meist verantwortliche Posten im Lager: Blockältester, Blockschreiber, Kapos etc. Es gab nur eine geringe Anzahl polnischer Widerstandskämpfer und von den Häftlingen aus Belgien, Luxemburg, Holland, Jugoslawien, Tschechoslowakei, die zum Teil in den Städten oder im Umland festgenommen wurden, waren es jeweils nur 10 Mann.

Ende Juni und Anfang Juli 1944 erhöhte sich die Anzahl der Häftlinge in Allach durch Kontingente von französischen Deportierten und spanischen Republikanern, die in Frankreich festgenommen worden waren. Den von vorne bis zum Nacken mit der entwürdigenden ‚Lagerstraße‘ rasiert (ein Streifen von ca. 5 cm Breite, der mit dem Rasierer gezogen wurde), in der gestreiften Drillichkleidung des Konzentrationslagers, waren sie nach einem langen Marsch in sog. ‚Soques‘ (Sandalen mit Holzsohle) aus Dachau angekommen, eskortiert von SS-Leuten und ihren Hunden.

Vor 15 Tagen hatten sie Frankreich von Compiègne aus verlassen, in plombierten Viehwaggons (110 Männer je Waggon!) mit einer salzigen Wurst als Verpflegung, in der Juni-Sonne, ohne Getränk! Andere sollten folgen: Im Juli einige Überlebende des ‚Todes-Konvois‘ (70% Tote während der Fahrt von Compiègne nach Dachau!) und Anfang September die im Zuge des ‚N.N-Erlasses‘ (Nacht und Nebel-Erlaß Hitlers vom 7.12.1941) 5) Evakuierten aus dem berühmt berüchtigten Lager [Natzweiler] Struthoff in der Nähe von Schirmeck im Elsaß. Unter den Neuankömmlingen waren einige Persönlichkeiten.

Die SS verweigerte ihnen die Bezeichnung ‚Honoratioren‘ (Rang, Stand) sowie die gelegentlich damit verbundene mildere Behandlung. Insbesondere Präfekte machten sich verdächtig, weil sie der Besatzungsmacht zuwenig Dienstbeflissenheit entgegenbrachten - um nicht deutlicher zu werden: Ernst 6), Regionalpräfekt von Rennes nach der Befreiung; Pierre Lecène 7) war Präfekt des Départements Ain gewesen; Coldefy 8) ehemals Präfekt von Savoyen; Grimaud 9), Präfekt von der Haute-Marne. Besonders beachtet wurde die Ankunft eines berühmten Chirurgen, Dr. Laffitte 10), Chef-Chirurg der Krankenhäuser von Niort; eines bekannten Sport-Radioreporters, Georges Briquet 11); eines französischen Meisters im Boxen, Moîse Bouquillon 12); eines internationalen Rugbyspielers, Olivier ...13) Und eine große Anzahl von ‚Eyssois‘ 14), die eine unerschütterliche solidarische Gemeinschaft bildeten.

Der Sklavenmarkt

Gleich am Tag nach ihrer Ankunft und ihrem unerfreulichen Einzug in die langen Barackenblocks ohne Fenster, mussten sich die neuen Insassen auf einem Platz im Lager versammeln. Dort wurden sie nach ihrem Fachgebiet und ihrer bisherigen beruflichen Tätigkeit befragt (man stelle sich die eher heitere Verlegenheit der Offiziere aus den französischen Spezialeinheiten vor!). Und fast wie bei einer Versteigerung wurden sie den Beauftragten unterschiedlicher Firmen, die zu diesem Anlass eingeladen worden waren, zur Auswahl angeboten. Nicht selten konnte man beobachten, dass einer dieser Firmenvertreter die Muskeln eines Häftlings abtastete um sich von deren Qualität zu überzeugen, bevor er sich entschied... diesen ‚zu nehmen‘.

Von diesem ‚Sklavenmarkt‘ hing im Allgemeinen die Verwendung des Häftlings in einem Kommando ab und bestimmte folglich über Leben und Tod... Manche Kommandos konnten aufgrund ihrer Art, der Arbeitsbedingungen und Menschlichkeit der zivilen, militärischen oder Häftlings-Vorgesetzten (Kapos) als ‚überlebensfähig‘ betrachtet werden. Andere erschienen, ganz im Gegenteil, wie das Vorzimmer eines schnellen Todes. Die Tag und Nacht zu leistende Arbeit auf den Baustellen im Freien war hart und auch gefährlich. Noch dazu herrschte ein außergewöhnlich strenger Winter in Bayern.

Besonders grauenvoll waren die ‚Terrasse‘ (Bunkerhalle) genannten Kommandos für ein Tiefbau-Unternehmen - die Firma Dyckerhoff, zu denen viele Häftlinge aus Allach abkommandiert waren. Man starb dort schnell, erschöpft vom Schleppen der Zementsäcke, besiegt von der Kälte (in manchen Nächten wurden 27 Grad minus gemessen), gegen die die ärmliche Drillichkleidung nur kärglichen Schutz bot, durch Hunger (zwei Liter klare Suppe und 200 Gramm Brot pro Tag), bewusstlos durch die Schläge oder als Opfer von Unfällen (Sturz von den Baugerüsten wegen Schwindelanfall).

Weniger gefürchtet waren die Kommandos in den Fabriken. Verteilt auf mehrere riesige Betonhallen (Bunker zum Schutz vor Bombardierungen), mitten in einem Tannenwald gelegen, ca. zwei Kilometer vom Lager entfernt, arbeiteten die Häftlinge offensichtlich mit geringstem Eifer für die Bayerischen Motoren Werke (BMW) und stellten für den Krieg benötigte Teile her (Gehäuse und Teile für Flugzeugmotoren). Zumindest hatten sie den erheblichen Vorteil, im Schutz der Witterungseinflüsse zu sein. Fast akzeptabel waren die Gärtnerei-Kommandos. Sie erlaubten einem gelegentlich ab und zu, etwas zu ‚organisieren‘: eine Kartoffel, eine Rübe oder einen Salat. 15)

Bevorzugt waren generell die Kommandos innerhalb des Lagers: Küche, Krankenstation, Desinfizierung, Transporte zwischen Allach und Dachau (auf dem Hinweg Leichen, auf dem Rückweg Verpflegung!) und das Kommando ‚Arbeitseinsatz‘ (Arbeitsverteilungsstelle).

Während die Arbeitszeiten - Appelle und Frühdienst nicht mitgezählt - der Außenkommandos 12 Stunden am Stück betrugen (von 6 bis 18 Uhr für die Tagesschicht, 18 bis 6 Uhr für die Nachtschicht), so waren die Zeiten der Kommandos im Lager meist limitiert auf 8 oder 10 Stunden. Die Kommandos innerhalb des Lagers waren sehr begehrt. Es wurde um sie heftig gefeilscht und sie lösten regelrechte Wettkämpfe unter den verschiedenen Gemeinschaften der Franzosen, Belgier, Spanier - oft verbündet -, Sowjets, Polen, Jugoslawen, Tschechen aus.

Wer einen Arbeitsplatz im Küchen-Kommando ergattern konnte, sicherte für sich selbst und seine Gruppe einige zusätzliche Suppen! Wem es gelang, im Revier (Krankenstation) zu arbeiten, hielt den Kontakt zu den Kranken aufrecht und konnte von den ‚Häftlings-Ärzten‘ entweder für sich oder jemanden aus seiner Gruppe eine Gefälligkeitsdiagnose und einige Tage Schonung herausholen! Wem es gelang, weil er die deutsche Sprache beherrschte, einen Posten als Sekretär beim ‚Arbeitseinsatz‘ zu bekommen, der wurde zum Schicksal für seine ganze Gemeinschaft, denn durch Manipulation der Listen konnte er die Deportation seiner Kameraden zu ‚schlechten Transporten‘ verhindern, heimlich Veränderungen vornehmen und war informiert, so dass er seine Leute vor jeder geplanten Bewegung warnen konnte!

Errungene Positionen

Bis Februar 1945 schien das Lager Allach nach einem täglichen monotonen Rhythmus zu funktionieren, die freudlosen Appelle - vier Huptöne; Abfahrt und Rückkehr der externen Kommandos; morgenliche Evakuierung der Toten, die gleich ersetzt wurden durch die ‚Neuen‘, die aus Dachau oder von woanders her ankamen; das heisere und fast ununterbrochene Gebrüll der SS-Leute und der Kapos, die Gewehrkolben, Schlagstöcke oder Gummiknüppel benutzten. Trotz der häufigen Bombardierungen der naheliegenden Baustellen und Fabriken drehte sich diese grauenhafte Vernichtungs-Maschinerie mit einer entsetzlichen Regelmäßigkeit weiter.

Im Lager schienen die Positionen definitiv verteilt. Trotz ihrer Bemühungen und ihrer Tricks war es den Franzosen nicht gelungen, den Russen die ‚Küchen‘ abzunehmen. Aber einem Franzosen war es gelungen, eine Führungsposition zu erreichen - als Ersatz für einen polnischen Arzt wurde Dr. Laffitte, 16) unter der Kontrolle der SS, zum Leiter des Reviers (Krankenstation). Unter ihm rückten dann zwei französische gefangene Ärzte nach: Dr. Jacques 17) und Dr. Chrétien. 18) Die Mannschaft wurde von einem sowjetischen Studenten und einem rumänischen Krankenpfleger ergänzt, die beide französisch sprachen und ihm absolut ergeben waren. Die Leitung der Desinfektionsabteilung hatte ein Belgier inne, Prof. ‚Bob Claessens‘, 19) von der Université de Droit (Universität der Rechtswissenschaften) in Brüssel (nach der Befreiung wurde er Dozent an der Universität in Ost-Berlin). Sobald er im Amt war gelang es ihm, einen Landsmann und einige Franzosen einzustellen. Einige Luxemburger hatten sich beim Arbeitseinsatz ‚eingeschleust‘ und ein Franzose, Jean Stortz aus Dijon 20), gebürtiger Elsässer mit fließenden Deutschkenntnissen, war Blockschreiber geworden.

Die Gemeinschaft der ‚Eyssois‘, immer Schulter an Schulter, leitete das geheime französische Komitee, das sie gleich nach ihrer Ankunft im Lager Allach gegründet hatte: Pierre Doize 21) (künftiger Präfekt des Departements Bouche-du-Rhône) vertrat die kommunistische Partei und Marcel-G. Rivière 22) die Gaullisten-Fraktion.

Das Räderwerk quitscht (Sand im Getriebe)

Es ist Februar 1945. Der Winter in Bayern ist besonders hart. Das Thermometer zeigt oft bis zu 25 Grad minus an. Ein scharfer Wind bläst über das Lager, heult durch den Tannenwald, den wir jeden Morgen und jeden Abend in der Dunkelheit auf dem Weg zum BMW-Werk durchqueren, ein gruseliger Tross, begleitet von bewaffneten Männern und bissigen Hunden. Nur Stille. Der Schnee erstickt den Lärm unserer müden Schritte. Wir gehen wortlos, an den Armen untergehakt - wie gefesselt - in Fünfer-Gruppen. Dem Befehl unserer Wärter folgend, die ständig mit rauer Stimme wiederholen: ‚Zu fünft... Zu fünft!...‘. Die Kälte klebt auf unserer Haut... Seit Wochen und Wochen... Die kurzen Nächte, die wir zu zweit unter einer engen und dünnen Decke verbringen, die uns von der Kälte nicht erlöst... Sie klebt auf der Haut, wie der Hunger seit Monaten am Bauch klebt...

Und dieser Appell, der heute früh eine lange Stunde gedauert hat. Im Wind, in Habachtstellung... Wir marschieren wie benommen, die Füße sind von Ödemen und Frost geschwollen und unsere Socken sind nass und zu eng geworden... Wir gehen ungewaschen und unausgeschlafen... Wir sind benommen aber bewusst, denn wir denken... Wir hören nicht auf zu denken...

Wir denken an all unsere verstorbenen Kameraden... Wir denken an den Russen, den die SS heute früh vor uns aufgehängt hat, nachdem er der Sabotage für schuldig befunden wurde... Der Knoten hat in seinem Hals den Ruf ‚Es lebe Tovarisch Stalin‘ abgewürgt... Seine allerletzten Worte... Nach seinen letzten Zuckungen hat ein Kapo ihm seine ärmliche gestreifte Kleidung ausgezogen... Und somit ihn auch aus dem Reich der Lebenden gestrichen... Vermutlich wird er nackt und blau gefroren noch den ganzen Tag an seinem Galgen schaukeln. Als abschreckendes Beispiel...

Wir denken an diesen guten Kameraden, den wir vorhin steif und winselnd im Schnee zurückgelassen haben.... Während des Appells hatten ihn seine besten Freunde gestützt zu einer schlaffen Habachtstellung... Hat man ihn aufgelesen? Hat man ihn in die schwache Wärme des Reviers getragen? Ende für ihn... Ende der Kälte... Ende des Hungers... Ende der Schläge... Ach! Wenn nur... Aber nein... Wir dürfen nicht einmal daran denken... Wir müssen durchhalten... Weiter durchhalten... Durchhalten... Durchhalten... Noch einen weiteren Tag... dann noch einen Tag... und noch einen Tag... Hier zu verzweifeln ist ein wenig wie Verrat... Das heißt den Tod akzeptieren, eine Niederlage einstecken weil wir aufgegeben haben... Den, den wir vorhin aufgegeben haben, dem Tod nahe auf dem Appell-Platz, der hatte sich schon seit einigen Tagen aufgegeben. Er ‚ließ sich gehen‘... Er wusch sich nicht mehr. Er sprach nicht mehr. Er konnte selbst nicht mehr mit uns über unser Unglück lächeln. Über ihn sagten wir: ‚Der geht nicht mehr sehr weit...‘. Und wir hatten trauriger Weise Recht...

Ja, es stimmt, verzweifeln heißt Verrat... Der da, ein Franzose, der vor Dir gerade gestolpert ist und den ein SS-Mann mit dem Gewehrkolben wieder zum Aufstehen zwingt, der wird Dich brauchen... Durchhalten... Durchhalten... Noch einen Tag... Ich denke an ‚Terre des Hommes‘ und an die Zeilen des großen Saint-Ex' (Antoine de Saint-Exupéry) über seinen Kameraden Guillaumet, der in den Anden abgestürzt war, im Schnee marschierte und gebetsmühlenartig wiederholte: ‚Einen Schritt zu gehen rettet einen. Und noch einen Schritt. Es ist immer wieder derselbe Schritt, den man beginnt...‘

Was einen hier rettet, ist einen Tag zu gewinnen. Noch einen Tag. Es ist immer derselbe Tag, der beginnt... Wenn Du nicht versuchst, diesen Tag zu gewinnen, verrätst Du Dich, Du verrätst Deine Kameraden, Du verrätst die, die auf Dich warten und Dir vertrauen. Dann bist du einfach nur ein Schweinehund.

Ein kurzes Kommando reißt uns aus unseren Gedanken. Wir stehen vor den schweren Türen eines Gebäudes des BMW-Werks... Die Männer der vorherigen Schicht formieren sich zur Kolonne, um zum Lager zurückzugehen... Unsere Kolonne löst sich auf... Wir lassen den Arm des Nachbarn los... Jeder von uns wird wieder Eins. Die Männer der anderen Kolonne rufen uns zu: ‚Plus rien à faire ici‘ (nichts mehr zu tun hier). Dieses ‚Plus rien à faire ici‘ hören wir seit einigen Tagen. Ein kurzer Satz und doch so hoffnungsvoll...

Es geht abwärts

Wie weit sind wir entfernt von dem teuflischen Rhythmus der letzten Monate im Herbst. Weit weg ist auch die Überheblichkeit der deutschen Gegenoffensive im Dezember. Diese Gegenoffensive, die von der verlogenen Propaganda in den Fabriken ausgenutzt wurde, hat so viele der unseren aus Verzweiflung umgebracht. Vergeblich hat die SS versucht eine hermetische Mauer der Stille um uns herum aufzubauen. Nachrichten über den Ablauf der Operationen sickern durch... Wir fangen an zu wissen. Nicht alles natürlich, aber genug um unsere Hoffnung zu nähren. In einem ‚Völkischen Beobachter‘, der offiziellen deutschen Zeitung, den wir auf einem Müllhaufen gefunden hatten, standen neue Namen von Städten. Den meisten von uns unbekannt, die wir aber diesseits des Rheins wussten. Und das war das, was für uns zählte. Diesseits des Rheins! ‚Sie‘ sind nur noch 200 Kilometer von uns entfernt. Und sicherlich rücken sie täglich näher! Das erklärt die häufigeren und massiveren Vorstöße. Diese ‚Flugzeug-Teppiche‘. Das erklärt die Zurufe: ‚Nichts mehr zu tun hier‘, das Quietschen aller Rädchen dieser gigantischen Kriegsmaschine, die vor knapp zwei Monaten noch so gut geölt wirkte. Der Mangel an Rohstoffen, das plötzliche Ungleichgewicht der Produktion, begünstigt - das muss man betonen - von den ‚dreckigen Schweinehunden unter den französischen Deportierten‘, die sich hier besonders eifrig zeigen und dort faul und ungeschickt. Hier, Überproduktion einiger Teile! Dort, fast völliger Stopp der Produktion der Zusatzteile.

Das erklärt die plötzliche Bescheidenheit des deutschen Aufsichtspersonals, das Nachlassen der Disziplin in der Fabrik. Die SS-Leute selbst erscheinen toleranter. Einige der Kapos spielen jetzt auf ‚gute Freunde‘. Die Flucht der zwei französischen Häftlinge - Vermeulen 23 und Nobilot 24) - und eines Russen, der ich mich nicht anschließen konnte, da ich einige Stunden vorher strafversetzt worden war, bringt nur eine Verschärfung der Bewachung. Mit Pierre Lecène 25) musste ich ein Verhör über mich ergehen lassen. Dieses wurde allerdings durch die SS-Leute, die mit der Untersuchung beauftragt und davon überzeugt waren, dass wir alles von der Vorbereitung der Flucht wussten, entgegen jeder Erwartung auf fast menschliche Art durchgeführt. Vor drei Monaten wären wir vielleicht weder dem Gefängnis noch dem Galgen entkommen.

Ende Februar wird die Arbeitszeit von bis dahin 72 Wochenstunden auf 60 reduziert. Auf der grausamen Baustelle einer ‚Terrasse‘ von Dyckerhoff, geht die Arbeit genauso zurück. Das von diesem Kommando gefangen gehaltene Personal hatte einen großen Teil des Winters in einem unmenschlichen Rhythmus Tag und Nacht und oft auch am Sonntag gearbeitet. Jetzt befindet es sich quasi in Kurzarbeit. Aufgrund der Desorganisation der Transporte kommt kein Zement mehr an. Die Fertigstellung der ‚Bunkerhalle‘ in der alle Produktionsstätten von BMW zentral unter einer vier Meter dicken Betondecke untergebracht werden sollten - bis dato waren diese auf vier Hallen verteilt - schien definitiv gefährdet. Anfang März wird eine empfindliche Personal-Reduzierung unter den Sträflingen angekündigt. Parallel dazu verlassen viele zivile Aufsichtskräfte das Lager und folgen dem Ruf des ‚Volksturms‘ 26). Einiges in der Fertigung wird aber weiter angetrieben. Als wollte man liefern bevor es zu spät ist! (...)

ster‘ nehmen die Auswahl vor. In einigen Werkstätten behalten sie offensichtlich die Eifrigen und entfernen fast systematisch die Franzosen, die im Ruf stehen, faule ‚Saboteure‘ zu sein. Das heißt, sie leisten mehr Widerstand und sind weniger folgsam als die Sklaven. In anderen Werkstätten erfolgt die Auswahl anscheinend auf gut Glück.

Nach einer Stunde ist die ‚Auswahl‘ abgeschlossen. Ein Drittel des Personals wird entlassen und sofort ins Lager zurück gebracht. Diese werden einem Kommando von 1200 Männern zugeteilt, das an der Wiederherstellung der Gleise der Vorort-Bahnlinie München-Laim-Pasing arbeiten soll. Diese Gleise werden ständig von den Fliegern der Alliierten beschädigt. So entsteht ein neues Kommando, das ‚Katastrophen-Kommando‘. Am Mittwoch, den 7. März kommen ca. 100 Häftlinge im Lager an. Sie waren im BMW-Werk in Kaufbeuren, 80 Kilometer von Allach entfernt, beschäftigt. Es wird deutlich, dass der Abbau sich auf alle Fabriken der Region um München ausweitet. Am 9. März gibt es neue Kündigungen im Werk Allach. Die Fertigung stoppt mangels Rohstoffen. Das ‚Katastrophen-Kommando‘ (Wiederherstellung der Bahn-Schienen) wird verstärkt, aber ein großer Teil der Häftlinge ist jetzt arbeitslos und hält sich im Lager auf. Sie verbringen oft den ganzen Tag eingesperrt in den Blocks. In der Fabrik wird meist unter einem fadenscheinigen Vorwand die Fertigung ein oder zwei Tage ausgesetzt und dann viel langsamer und mit weniger Personal wieder aufgenommen.

In der ersten Aprilwoche wird das BMW-Werk in Allach definitiv geschlossen. Dort sind nur noch knapp hundert Häftlinge mit Pflege- und Umzugsarbeiten beschäftigt. Vielleicht um ein wenig Abwechslung zu haben stellt der Arbeitseinsatz (Arbeitsvermittlungsstelle des Lagers!) weiterhin auf dem Papier Kommandos zusammen und fordert im Barackenlager Spezialisten an (Dreher, Schweißer, Schlosser etc.), die allerdings niemals das Lager verlassen werden. Auf der Baustelle von Dyckerhoff gibt es jetzt praktisch keine Arbeit mehr.

Flucht ...

Um den 15. April wird das Katastrophen-Kommando merklich reduziert. Vom Personalbestand von 1.200 wird es auf 900 zurückgefahren... Allerdings werden die Kommandos von Nützl (Gärtnerei-Kommando) und das Kommando von Grossberghofen (Bau von Villen und Häusern für den Führungskader von BMW!) erheblich verstärkt. Selbstverständlich kann das Katastrophen-Kommando seine Mission nicht mehr erfüllen, da die Bombardierungen jetzt häufig und massiv sind.

Bewacht von gutmütigen Wärtern der Feldgendarmerie (meist über 50-jährige) oder des Volksturms lehnen die geschwächten, schlecht (von einigen rohen Kartoffeln) ernährten Häftlinge lange auf den Stielen ihrer Schaufeln oder Hacken und warten den nächsten Alarm ab. Im Schutz dieser Alarme häufen sich die Ausbrüche. Ausbrüche von deutschen Häftlingen, denen sich gelegentlich Capos anschließen oder Wachposten... Im Lager herrscht ein kollektives Dolcefarniente...

Die 2.000 ‚Untätigen‘ gehen spazieren und warten auf die Essenszeit mit der mageren Ration oder auf die Appelle, die weniger streng und weniger grausam geworden sind, in dem endlich wiedergefundenen Frühling. Beunruhigt verstärkt die SS die Durchsuchungen nach Waffen, die in das Lager hätten eingeschleust werden können und konfiszieren alle Objekte, die als Waffe oder als Werkzeug für Korrespondenz oder zur Nachrichtenübermittlung benutzt werden könnten (Papier, Stift etc.). In den Krankenblocks sterben die Menschen um die Wette. Auf vollen Karren - wir nennen sie ‚Moor-Express‘ - gezogen von Häftlingen, werden die Leichen jeden Morgen und manchmal mehrfach täglich zum Krematoriumsofen nach Dachau gebracht, der seiner grauenhaften Bestimmung nicht mehr genügte.

Ein Illegales Komitee bereitet den Tag ‚X‘ vor

Man spürt die neue Stimmung im Lager. Kompletter Geisteswechsel... Zugegeben, die Männer sterben weiter... Dutzende Leichen, die von den Männern des Moor-Express vor den Barackenlagern aufgelesen werden, wo sie jeden Morgen abgelegt werden. Wie der Unrat in unseren Städten... Der Hunger ist immer noch da, bedrängend, an den Eingeweiden klebend... Aber es ist nicht mehr so kalt und mit der Sonne kommt auch Hoffnung, eine sehr große Hoffnung, die in den Herzen leuchtet und sie wärmt... Die Seelen bereiten sich auf neue mutige Taten vor. Die politischen Häftlinge, die immer aus Gründen der Solidarität organisiert waren 27) und sogar durch Aufrufe zu Sabotage-Akten 28) wollen nicht zu früh entdeckt werden. Jetzt finden sie aber, dass der Moment gekommen ist, die Richtung ihrer Aktionen zu ändern. Jetzt muss es schnell gehen. Man darf nicht hinterher hinken und sich von den Ereignissen überrumpeln lassen. Das könnte tragisch werden. Die Verantwortlichen wissen, dass tausende Leben auf dem Spiel stehen. Die Bedeutung der Entscheidungen, die sie treffen müssen, ist ihnen bewusst. Es ist unabdingbar, dass sie das absolute Vertrauen all ihrer Kameraden haben.

Die militärischen und politischen Neuigkeiten bleiben ungenau. Nur ein paar Indizien, ein paar Zeichen, die man zu interpretieren versucht: Der teilweise Austausch der SS-Leute durch Männer des Volkssturms, der plötzliche Umzug von Offizieren und Beamten, die Jagdflieger der Briten, die in geringer Höhe über das Lager fliegen und uns scheinbar mit einem leichten Schaukeln der Tragflächen grüßen. Jetzt ist eindeutig klar, dass der Zusammenbruch des Reichs bevorsteht.

Leichen aufgestapelt auf großen Haufen...

Aber muss man von dem Nazi-Regime in seinen letzten Zuckungen nicht das Schlimmste befürchten 29)? Würden seine Chefs es akzeptieren, diejenigen am Leben zu lassen, die ihre erbitterten Gegner waren und störende Zeugen ihrer Verbrechen? Das grausame und fast tägliche Spektakel bei der Ankunft von Häftlingen aus anderen Straflagern, entkräftet, erschöpft von entsetzlich langen Märschen, ist nicht wirklich beruhigend.

In der ersten April-Hälfte waren es die Überlebenden aus dem Lager Ersingen, die sich dahin schleppten, taumelnd, trunken vor Müdigkeit und Hunger, umrahmt von Wachposten, auch sie verdrossen, erschöpft und bedrängt von den Hunden. Vor ihnen zogen Häftlinge aus Allach - die Leichen-Arbeiter! - drei Lastwagen voll mit Leichen. Dreihundert dieser ‚Verlegten‘ waren auf der Strecke gestorben. Ein Drittel der Überlebenden sollte in den folgenden Tagen sterben.

Andere Konvois folgten. Immer das gleiche jämmerliche Spektakel. Die 527 aus Trostberg..., die 613 aus Blaichach..., die 707 aus Eisenach, alle genauso keuchend, halb verhungert, geplagt von Fieber und Würmern. Nur wenige hatten diese unmenschliche Prüfung überlebt. Nach diesen kamen die 227 aus Stephanskirchen, die 104 aus Markich, die aus Kottern...

Die Häftlinge aus Allach hatten versucht, ihnen auf ihren letzten Schritten bis zu einer Matratze zu helfen, vergeblich. Die SS hatte sie zurückgestoßen und die Hunde auf sie gehetzt. Die Männer waren gestürzt und nicht mehr aufgestanden. Auf der Stelle tot... Jetzt läuft das Lager über mit Halbtoten und mit Leichen. Überall liegen Leichen. Auf den Wegen des Lagers... Auf dem Appellplatz... Aufgestapelt auf hohe Haufen, aus denen ausgemergelte Arme und Beine ragen und in denen Gesichter auftauchen, zu Grimassen verzerrt von den letzten Leiden. Oft mit weit aufgerissenen Augen, wohl auf eine der letzten Grausamkeiten blickend.

Gelegentlich ist es das Gesicht eines Freundes der seinen Blick auf sie richtet. Ein Blick der Toten, den man nie vergessen wird. Man ist traurig. Vor allem deshalb, weil man nicht genug um den toten Freund trauert. Gewöhnung? Haben wir schon einen Teil unserer Seele verloren? Haben wir unseren Henkern schon den Anfang ihres Sieges eingeräumt?“

Eine gefürchtete Evakuierung

Wir fragen uns – müssen wir nicht auch in ein paar Tagen vor den herannahenden alliierten Truppen fliehen? Werden wir nicht auch einen langen Kreuzweg kennenlernen auf den Straßen Bayerns und des relativ nahen Tirols? Ohne jegliche Rückzugchance, werden wir nicht eiskalt hingerichtet? Wir denken an diese Kugel in den Nacken, die für die Nachzügler reserviert war. Das haben uns mit Entsetzen all diejenigen berichtet, die aus anderen Lagern verlegt worden waren. Wenn wir weg müssen, wie wird das Schicksal der Schwächeren aussehen? Und müssen wir die Invaliden zurücklassen und die Kranken, die immer zahlreicher werden, da der Typhus im Lager Einzug gehalten hat?

Müssen wir nicht kämpfen, nicht nur gegen die SS sondern auch gegen gewisse Elemente innerhalb des Lagers? Die Ukrainer, die um durchzuhalten oder ihren Hunger zu verringern, nach dem Recht des Stärkeren die Schwächeren unter uns angreifen, um diesen die mageren Essensrationen zu stehlen. Oder noch schlimmer, um ihre Mitgefangenen zu verzehren, wie es in manchen Lagern vorgekommen ist?

Anfang April haben die ehemaligen Verantwortlichen von Eysses – Doize (Kommunist) und ich selbst, verantwortlich für die Gaullisten – beschlossen, eine ständige Verbindung zu etablieren und schlugen vor, ein „Comité national francais“ (Nationales Französisches Komitee) zu gründen, das bestehen sollte aus je 2 Vertretern der kommunistischen Partei, des „Front National“ (Nationalistische Partei) und der Gaullistischen Bewegung. Doize aus Marseille 30) und Boulanger, 31) ein Pariser, wurden von den Kommunisten ernannt, sie im „Comité national français“ zu vertreten. Ich selbst und mein Stellvertreter Leroy aus Grenoble 32) (beide ehemals Verantwortliche in Eysses), sollten die Gaullistischen Bewegungen, die sich im Großen und Ganzen aus der früheren Organisation von Eysses herauskristallisiert hatten, vertreten; Clade 33) , früherer Verantwortlicher der Vereinigten Bewegung des Widerstands in Haute-Savoie sollte den „Front national“ vertreten.

Eine erste Versammlung wird abgehalten in der Einigkeit erzielt wurde, Dr. Laffitte die Präsidentschaft des „Comité national français“ anzubieten. Wir waren bemüht, an die Spitze dieses Komitees eine Persönlichkeit zu setzen, die weder die Franzosen noch die Ausländer anzweifeln konnten. Dies traf auf Dr. Laffitte zu, der unter der Aufsicht der SS Leiter der Krankenstation war und der zu jeder Gelegenheit und für alle eine außergewöhnliche Selbstlosigkeit und großen Mut gegenüber seinen „Herren“ bewiesen hatte. Als Kriegsteilnehmer von 1914 - 1918 war es ihm gelungen, seine „Herren“ zu beeindrucken und zu überzeugen.

Mitte April wurde das „Französische Nationale Komitee“ definitiv gegründet. Durch Vermittlung der Kommunisten wurde Kontakt zu den anderen nationalen Organisationen aufgenommen, die fast alle schon gegründet waren, mit Ausnahme der kleinen Nationen und Polen.

Die Gründung eines internationalen Komitees wurde in Betracht gezogen. Laffitte und Boulanger sollten darin Frankreich repräsentieren. Aber unter den Franzosen war man sich nicht einig. Parallel zu dem Nationalen Komitee laufen Versuche, andere Komitees zu gründen. Administrative und politische Persönlichkeiten bemühen sich darum, aber ihre Anhängerschaft ist schwach, vermutlich aufgrund von mangelndem Widerstand und zu wenig Anerkennung. Eine bedeutendere Gruppierung mit strikter militärischer Ausrichtung wurde auf Betreiben eines Offiziers der Spezialkräfte gegründet. Sein Versuch, sich durchzusetzen, misslang. Nach dem Scheitern dieses Versuchs stellte er sich sehr schnell und fair dem Comité National Français zur Verfügung.

Als nun die absolute Einigkeit hergestellt ist nehmen die Franzosen die Risiken ihrer Befreiung in Angriff. Momentan geht es vor allem darum, im Inneren des Lagers alle, die Verantwortung übernehmen sollen, strategisch so zu platzieren, dass sie ihre Aufgaben mit größtmöglicher Effizienz und Sicherheit ausüben können. Dank einiger Gefälligkeiten wird jener Verantwortliche zuständig für jene Aufgabe, jenes Barackenlager oder jenes Kommandos, die noch existierten.

Das Grollen der Kanone

Es ist der 20. April... Am Morgen hört man ein dumpfes und entferntes Grollen... Die Kanone... Dieses Grollen, üblicherweise gefürchtet, ist für uns so etwas wie der Klang der Befreiung. Die Front kommt näher. Die Alarme werden immer häufiger. Es sind nicht mehr nur die großen Bomber sondern auch Jagdflugzeuge, von denen einige es wagen, die Wachtürme zu bombardieren. Die Wachposten flüchten in Panik. Andere Flieger kreisen in ziemlich geringer Höhe über dem Lager und es scheint, als würden sie einen der großen Plätze, auf denen die Toten aufgestapelt sind, fotografieren.

Einige Sträflinge arbeiten noch in den Außen-Kommandos: Kommandos von München (Reparatur der Gleise und Schutt aufräumen), bei Nützl 34) (Gärtnerei) und Großberghofen. 35) Sie berichten, dass sie auf den Straßen lange Kolonnen von deutschen Flüchtlingen getroffen haben. Die nationalen und internationalen Komitees haben leider nur diese wenigen Auskünfte, nach denen sie sich in ihren Initiativen und Entscheidungen orientieren können.

Der kleine Radioapparat, den wir heimlich in einem Barackenlager angeschlossen haben, nützt uns kaum noch, da die deutschen Sendungen – die einzigen die wir empfangen konnten – immer kürzer und ungenauer werden.

Am 22. April erfahren wir dann, dass Nürnberg in die Hände der Alliierten gefallen ist. Es ist Sonntag und das Gerücht geht im Lager um, dass keines der externen Kommandos am nächsten Tag die Arbeit wieder aufnehmen würde. Am nächsten Tag hat sich jedoch nichts an dem Gewohnten geändert. Das Grollen der Kanone kommt jeden Tag näher....

„Auswahl“

Am 23. April verlangt die Lagerleitung vom medizinischen Dienst eine Liste aller Häftlinge, die „in der Lage sind, einen militärischen Marsch“ zu machen. Täglich 30 bis 40 Kilometer. Die Mediziner führen an, dass es unmöglich sei, eine solche Auswahl zu treffen.
Der SS-Arzt macht Druck und erklärt, dass er selbst die Auswahl vornehmen würde. Die gefangenen Ärzte geben nach, aber setzen sich mit Dr. Laffitte dafür ein, Zeit zu gewinnen. Nach einem halben Tag Wartezeit entscheiden sie, ihre „Sprechstunden“ in Block 22 und 23 zu beginnen, von denen sie annehmen, dass hier die am schwersten Getroffenen untergebracht werden; sie sind sich sicher, dass sie hier keinen tauglichen Häftling finden werden! Tatsächlich werden nur 40 der 700 Häftlinge als tauglich eingestuft. Und dies sind alles Freiwillige, die darauf hoffen, durch einen neuen Standort eine Fluchtmöglichkeit zu erhalten.

Eine schwere Gewissensfrage für die Ärzte und die – noch geheimen – Verantwortlichen des Lagers: Ist es besser zu marschieren oder, bei Verbleib im Lager, die komplette Vernichtung durch den Flammenwerfer zu riskieren? Eine grauenhafte Wahl! Die Ereignisse scheinen sich über überschlagen... Es scheint als hätte die SS-Lagerleitung entschieden, nicht die Meinungen der Ärzte abzuwarten, da es ihnen zu lange dauert. Sie lässt die Chefs der Blocks in aller Eile die Männer bestimmen, die diesen „militärischen Marsch“ unternehmen können. Kein Zweifel, die Evakuierung des Lagers steht jetzt bevor!
Man weiß natürlich nichts Genaues über das vorgesehene Ziel dieser Evakuierung, aber es gibt einige Informationen, die wir für gesichert halten und die uns erlauben, anzunehmen, dass es das Plateau des Ötztals in Tirol sein wird – in ca. 180 km Entfernung, süd-westlich von Innsbruck. Die Ärzte sind sich ganz sicher: Zwei Drittel der Gruppe werden das Ziel nicht erreichen können. Oder gar die ganze Gruppe nicht, da vermutlich keine vernünftige Marschverpflegung vorgesehen ist... Und das Grollen der Kanone wird von Stunde zu Stunde deutlicher und kommt näher. Die Freiheit ist vielleicht nur noch ein paar Stunden von unserer Hölle entfernt...

Die Stunde der schweren Entscheidungen

Die Stunde der schweren Entscheidungen ist gekommen... Entscheidungen, die sich auf das Leben von Tausenden von Menschen auswirken. Die verschiedenen Nationalen Komitees versammeln sich. Die Angst wiegt schwer auf den Verantwortlichen. In einem gemeinsamen Entschluss schlagen Doize und ich den anderen Komitees vor, den Abmarsch mit allen Mitteln zu verzögern. Mit allen Mitteln, selbst den gefährlichsten... Die Gesamtheit des Komitees übernimmt unseren Standpunkt. Die Weisung wird jetzt an alle Häftlinge von Mund zu Mund, von Barackenlager zu Barackenlager in einer außergewöhnlichen Geschwindigkeit weitergegeben: „Zeit lassen ... Sabotieren... Die Listen fälschen... Die Anzahl der Invaliden übertreiben...“

Alle Insassen des Lagers scheinen bereit zu sein, die Weisung zu befolgen. Selbst einige SS-Leute die anfangen, vor den nächsten Tagen Angst zu bekommen... Die Listen sind zwar erstellt aber ihre Weitergabe zieht sich hin. Und noch scheint kein Abmarsch entschieden zu sein... Entkommen wir der Evakuierung? Wir fangen wieder an zu hoffen... Am 24. April verlässt kein externes Arbeitskommando das Lager. Das Grollen der Kanone ist noch klarer und näher...

Am 25. April – einem Mittwoch – ein neuer Alarm! Um 22 Uhr, mitten in der Nacht, wird eine Eilnachricht zu den Chefs der Blocks gebracht: „Sofort eine Liste liefern mit den Häftlingen, die nicht diesen Völkern angehören: Frankreich, Polen, Italien, Holland, Belgien, Luxemburg, Jugoslawien und Tschechoslowakei“. Wir zweifeln nicht daran, dass dies auf die Russen abzielt, die nicht Mitglieder des Abkommüssen zur Tat schreiten... dafür sorgen, dass eine Identifizierung der Nationalität der Häftlinge unmöglich wird... Gegen die Lagerkartei mit den Namen der Insassen – sie befindet sich entweder in den Barackenblocks, oder bei der Lagerleitung – muss etwas unternommen werden. Die „Schreiber“ müssen die Erstellung der Listen verzögern und dürfen sich keinesfalls gegen die Diebstahlversuche der Karteikarten wehren.

Um ehrlich zu sein, keine der Aktionen wird auch nur versucht. Nur durch die Passivität der meisten Baracken-Sekretäre gelingt es, noch ein paar Stunden zu gewinnen. Einer von ihnen allerdings, der einzige französische „Schreiber“ des Lagers – Jean Stortz aus Dijon 35) – akzeptiert es, Opfer eines konzertierten Angriffs zu werden, bei dem ein kleines Kommando ihm seine Karteikarten raubt und diese sofort zerstört.

Ausbruchsversuch

26. April... Bei der SS-Lagerleitung ist die Nacht besonders unruhig... Bei den geheimen Nationalen Komitees auch... Man verfolgt die Lage von Stunde zu Stunde... Man kennt die Gefahr. Man bemüht sich, sie herunterzuspielen, um eine Panik zu vermeiden.

Wir müssen versuchen, die Absicht der Deutschen zu verstehen. Indem sie den Sowjets – die zahlreichsten und auch turbulentesten des Lagers – ein besonderes Schicksal reservieren, beabsichtigen sie nicht damit, die Spaltung zu erreichen? Wir versichern unseren sowjetischen Kameraden einmal mehr unsere uneingeschränkte Solidarität. Und nach den Sowjetbürgern, werden nicht auch wir einfach auf die Straßen gejagt? Aus Sicht Einiger ist dieser Versuch einer Spaltung als Vorsichtsmaßnahme zu deuten, da befürchtet wird, dass im Fall
einer totalen Evakuierung mit einem allgemeinen Angriff gegen die Wachleute zu rechnen ist.

In der Nacht unternimmt ein SS-Unteroffizier einen diskreten Versuch zu einem Gespräch mit dem französischen Schreiber, Jean Stortz. Dieser ist elsässischer Herkunft, versteht und schreibt perfekt Deutsch. Der SS-Mann liefert spontan Informationen zu dem Marschbefehl der Evakuierung und verlangt im Gegenzug in den folgenden Tagen weigehende Nachsicht gelten zu lassen. Stortz lässt mich rufen und so erfahre ich, dass jede Stunde eine Kolonne mit 300 Häftlingen das Lager verlassen wird und dass für jede dieser Kolonnen eine Bewachung mit 6 Maschinengewehren vorgesehen ist.

Die Information ist natürlich wertvoll, aber wir spielen die Gleichgültigen. Vielleicht ist der Mann ein Provokateur? Kurz vor Mittag erinnern die Nationalen Komitees an die Verhaltensmaßregeln, die wir gemeinsam aufgestellt haben: „Dem Willen der Deutschen unsere gesamte Hartnäckigkeit entgegensetzen...“. Gegen 17 Uhr beschließt die SS eine Generalversammlung aller Häftlinge des Lagers. Große Aufregung... Aber unsere Verhaltensmaßregeln werden eingehalten. Man versammelt sich ohne Eile, manche simulieren Unwohlsein, andere vergessen mit Absicht unentbehrliche Dinge. Das Durcheinander ist groß... Einige der Häftlinge, die wir für Provokateure halten, wollen weiter gehen: „Reißt Eure Winkel ab 36). So können die Deutschen Eure Nationalität nicht ermitteln. Zerreißt Eure Hosen... Die Deutschen werden es nicht wagen, Euch halb nackt auf die Straße zu jagen.“ Diese Anweisungen erscheinen uns doch als sehr gefährlich. Werden wir nicht mit solch spektakulären Gesten eine sofortige und brutale Bestrafung provozieren... Wir denken an die Maschinengewehre, an die Flammenwerfer... Ein Massaker direkt vor Ort muss vermieden werden.

Trotz allem kommt die Versammlung zustande. Aber mit erheblicher Verspätung... Es ist stockdunkel, bis sie beendet ist. Die SS-Leute scheinen jetzt eher zaghaft. Der Appell der Russen zieht sich in die Länge. Im Schutz der Dunkelheit gelingt es manchen, die Reihen zu verlassen und wieder in die Blocks zu gelangen, in die alle anderen Häftlinge zurückgeschickt wurden... die deutschen „Kriminellen“-Häftlinge, die unter diesen Umständen zu Polizisten befördert wurden, können die von der SS gegebenen Befehle nicht durchsetzen. Trotzdem setzen sich die Kolonnen mit sowjetischen Häftlingen um Mitternacht in Bewegung und verlassen das Lager. Sie sind allerdings nicht vollzählig und verlieren ziemlich schnell an Zahl, denn vielen Häftlingen gelingt es in die Felder und Wälder zu flüchten, sobald sie durch die Tore sind...

Einige Tage später erfährt man, dass von den 2000 sowjetischen Evakuierten aus Allach ein Teil an Erschöpfung gestorben ist, andere wurden von der SS erschossen. Nach 40 Stunden fast ununterbrochenem Marsch hatten sie 12.000 andere Sowjets eingeholt, die aus Dachau evakuiert wurden. Und nach drei Tagen blieben nur noch an die zehntausend von insgesamt 14.000!

Man erfährt auch, dass auf der Strecke viele Wachleute von den Russen getötet wurden und dass andere, trotz ihrer Waffen geflüchtet sind, aus Angst davor von der Menge erdrückt zu werden... In der Ferne grollt die Kanone immer lauter... Und immer näher.

Die SS-Leute verlassen uns

27. April... Schon am Morgen veranstalten die SS und die „kriminellen“ Kapos eine regelrechte „Menschenjagd“ im Lager. Sie suchen die Russen, die sich nachts entweder in den unterirdischen Schutzräumen – enge Schläuche – oder in den Barackenlagern, in der Krankenstation und den Blocks der Sterbenden verbergen, wo wir sie so gut wir können verstecken.

Manche haben sich sogar zu den Leichen gelegt, da sich die SS diesen nur mit Widerwillen nähert, aus Furcht vor der Ansteckung mit Typhus... Müde von der fast erfolglosen Menschenjagd gibt es eine erneute Generalversammlung. Dieses Mal werden die Häftlinge nach Nationalitäten gruppiert und nach einem oberflächlichen Appell wieder zurück in ihre Baracken geschickt.

Unser Aufbruch wird noch nicht heute stattfinden. Können wir dem „langen Marsch“ entkommen? Am Abend stattet der Präsident des geheimen internationalen Komitees, Dr. Laffitte, begleitet von Prof. Bob Claessens, dem belgischen kommunistischen Delegierten, den Blocks einen Besuch ab. Sie informieren darüber, dass die Ankunft der Alliierten Truppen jetzt bevorsteht. Sie rufen zu Ruhe und Disziplin auf.

Wartet die SS nicht nur auf einen Zwischenfall, um Repressalien „der letzten Stunde“ zu rechtfertigen? Wir sind natürlich entschlossen, diesen Zwischenfall zu verhindern. Aber auch entschlossen, unsere Haut so teuer wie möglich zu verkaufen. Wenn die SS Repressalien ausführt, entweder im Lager oder während einer Evakuierung, die wir noch nicht komplett ausschließen können, werden wir nicht passiv bleiben... Wir sind in der Überzahl...

Wir haben an verschiedenen Orten all das gesammelt, was uns als Waffe dienen könnte. Armselige Waffen: Stöcke, Pfähle, Steine... Die meisten der Franzosen sind in kleinen Kommandos zusammengefasst, in die einige der überlebenden Sowjets und spanische Republikaner aufgenommen wurden – die „Eyssois“. Wir haben sie als passend empfunden und sie selbst hatten sich schon immer als Teil unserer Gemeinschaft angesehen. Von letzteren kennen wir den außergewöhnlichen Mut. Wir haben diesen bei der Revolte von Eysses geschätzt... Und jetzt ist die Zeit für das ruhige Abwarten und den entschlossen Mut.

28. April... Überraschung... In der Nacht hat ein Großteil der SS-Leute ihre Barackenlager verlassen. Es verbleiben nur noch einige Wachleute unter dem Kommando eines einzigen Unteroffiziers... Kurz vor Mittag verlassen diese ganz diskret das Lager. Manche beobachtet man, wie sie in den Wachtürmen Zivilkleidung anlegen, ihre Waffen zurücklassen und die Flucht über die Felder antreten...

Wir sind jetzt alleine. Wir empfehlen jedoch äußerste Vorsicht. Ist dieser überstürzte Aufbruch nicht ein Täuschungsmanöver? Wurden vielleicht heute Nacht Maschinengewehre insgeheim in den kleinen um das Lager herum verstreuten Blockhäusern installiert? Es sind weniger als 50 Meter Entfernung. Wird nicht jeder Fluchtversuch sofort durch Schüsse aus schwerem Geschütz gestoppt?

Wir beschließen, die Annäherung an die Zäune zu verbieten und verhängen praktisch eine Ausgangssperre für die Häftlinge, die in ihren Blocks bleiben müssen. Nur die Verantwortlichen und die Leute vom Arbeitsdienst dürfen sich im Lager bewegen.

Endlich allein, aber...

Wir sind endlich allein... Das Lager gehört uns. Sofort wird ein Leitungskomitee eingerichtet. Da Dr. Laffitte 38) wegen seiner Verpflichtungen als Chefarzt der Krankenstation verhindert ist wird der Belgier Prof. Bob Claessens 39) einstimmig zum Präsidenten dieses Komitees ernannt. Der Ordnungsdienst, der unter solchen Umständen besonders wichtig ist, wird einem rumänischen Kommunisten übertragen, Scarbac 40), der von dem französischen Hauptmann Nonmallier 41) unterstützt wird. Mittags müssen wir wieder klein beigeben. Der ehemalige deutsche Lagerälteste, bekannt als Ferdinand [Westerbarkey] 42), kommt wieder und informiert uns, er sei von der SS beauftragt worden, die Verantwortung für das Lager zu übernehmen. Jede Verfehlung gegen die Regeln der Disziplin, die er aufstellen wird, würde Repressalien seitens der SS nach sich ziehen. Die SS sei in der Nähe geblieben und er hat mit ihnen die Verbindung. Er fügt hinzu, dass er die Besetzung der Wachtürme deutschen Staatsbürgern anvertrauen würde, denen bereits einige Waffen und Munition ausgehändigt wurden.

Das Internationale Komitee ist komplett anwesend und setzt den Ansprüchen von Ferdinand ein formelles „Nein“ entgegen. Bob Claessens teilt ihm in sehr deutlichem Ton mit, dass die Häftlinge es nicht tolerieren werden, falls nur ihre deutschen Kameraden beauftragt würden, das Lager zu bewachen. Einige deutsche Kommunisten schließen sich ohne Vorbehalt unserem Protest an... Letztendlich gibt Ferdinand nach und lässt im Prinzip zu, den deutschen Häftlings-Wachleuten jeweils einen Häftling einer anderen Nationalität zur Seite zu stellen.

Aber wie groß ist unsere Enttäuschung und unsere Aufregung, als wir am Nachmittag einige bewaffnete SS-Leute zurückkommen sehen. Sie nehmen ihre Plätze in den Wachtürmen und an den Wachposten wieder ein... Hatte Ferdinand, wie er gedroht hatte, sie gewarnt?

Die SS-Leute erweisen sich als nicht sehr aggressiv. Sie plaudern mit den Häftlingen und einige reißen ostentativ ihre gefürchteten Abzeichen ab und behaupten, dass sie in der Abenddämmerung flüchten und ihre Waffen zurücklassen würden.

Granaten fallen auf das Lager... Tote

Die SS-Leute haben Wort gehalten... Am Morgen des 29. April ist kein einziger mehr im Lager... Vor Mittag hissen wir Fahnen auf dem First der Wachtürme, um uns bei den Alliierten Truppen bemerkbar zu machen, denn wir hoffen, dass sie jeden Moment ankommen.

In unsere große Freude mischt sich jedoch die Besorgnis in Anbetracht der schwierigen Probleme, die sich uns stellen. Wird uns unser knapper Lebensmittelvorrat erlauben, bis zum Ende durchzuhalten? Auch dann, wenn ein starker und langer Widerstand der Deutschen vor München uns regelrecht in ein „Niemandsland“ versetzen würde? Wir begutachten unseren Vorrat. Wenn wir die momentan sehr strenge Rationierung beibehalten – täglich 2 Liter klare Suppe und 200 Gramm Brot – können wir 7 Tage durchhalten. Aber wir müssen die Vorräte streng bewachen. Der Hunger ist ein schlechter Ratgeber und hier haben alle Hunger. Seit Monaten...

In den Blocks herrscht außergewöhnliche Aufregung. Man dekoriert so gut es geht. Jede Gemeinschaft bereitet ihre Fahnen vor, die möglichst fest und hoch geschwenkt werden sollen, wenn die Alliierten Truppen – die Amerikaner – kommen werden...
Seit ein paar Tagen sind wir von Dachau und allen Informationen völlig abgeschnitten. Seit einer Woche funktioniert der makabre Transport des „Todes-Express“ 1) zwischen unserem Lager und dem Krematorium nicht mehr. Man weiß nicht mehr wohin mit den Leichen. Massengräber nehmen im Lager an Zahl und Umfang erheblich zu.

Aber wo sind die Alliierten? Kommen sie voran? Wann sind sie hier? ... Die Kanonen werden uns antworten. Die amerikanischen Kanonen... Wir sind in deren Reichweite. Gegen 20 Uhr regnet es Granaten der leichten Artillerie auf das Lager. Die Barackenlager werden getroffen. Aus einem der Wege wird ein Jude von einem Splitter enthauptet... Im Frauenlager gibt es mehrere Tote. Insgesamt sind es 3 Tote und 25 Verletze, die von den Häftlings-Ärzten behelfsmäßig operiert werden...
Einige Tage später hören wir die Erklärung für diese Bombardierung. Beim Einschießen auf deutsche Posten, die bei Feldmoching in der Nähe des Lagers aufgestellt waren (weniger als 500 Meter entfernt), haben die Amerikaner unser Barackenlager getroffen. Nach ein paar Salven waren die deutschen Posten zerstört.

Die Deportierten von Allach hatten ihre letzte Gefahr erlebt. So dachten sie zumindest... Denn jetzt grassiert der Typhus. Und bald ist es die Ruhr, für viele tödlich. Das Internationale Komitee tagt jetzt ununterbrochen, trotz fehlenden Schlafs und der Müdigkeit.
Für die französische Gemeinschaft, die jetzt in den gleichen Blocks zusammengefasst ist, wird sich Doize um die Versorgungsfragen kümmern; Leroy aus Grenoble um die Ermittlungen. Mir obliegen Informationsfragen, die Zählung der Überlebenden und der Toten sowie die Erstellung der Listen der französischen Häftlinge, damit zu gegebener Zeit die Repatriierung mit der Aufteilung nach Regionen beschleunigt wird.

Es sind mehr Tote als Lebende... Es gelingt uns, sie zu identifizieren anhand des kleinen Kartons, versehen mit ihrer Personenkennziffer, der ihnen sofort nach Eintritt des Todes zwischen die Zehen gesteckt wurde. Aber in den Massengräbern haben sich viele der kleinen Kartonschnipsel verirrt. Und viele Tote werden unbekannt bleiben.

Am 30. April arbeiten die Ausschüsse des internationalen Komitees... Dr. Laffitte hat die schwere Verantwortung, die Ausbreitung der Typhus-Epidemie abzuwenden. Ohne Impfstoff. Ohne Medikamente.

Ohne jegliche hygienische Möglichkeit

Er richtet „Quarantäne-Blocks“ ein - Block 22 und 23 – in denen die ansteckenden Kranken und die Schwerkranken untergebracht werden. Es sind so viele, dass die Bettstellen in 2 oder 3 Etagen aufgebaut werden (mit 2 Kranken auf einer dünnen Matratze). Es sind immer mehr Tote. Sofort nach ihrem letzten Atemzug werden sie weggebracht. Es muss Platz geschaffen werden. In den Blocks schlagen die Häftlinge die Zeit tot... Hier, umgeben von seinen Präfekt-Freunden, rezitiert Pierre Lecène 43) Verse von: José de Heredia, Anna de Noailles... Leconte de Lisle... Dort drüben spricht Georges Briquet 44) mit Roques 45), dem katalanischen Rugbyspieler, über die Zukunft des französischen Sports... Ein Stück weiter gibt Dussoge 46), ein exzellenter Bariton von der „Croix-Rousse“ in Lyon, ein kleines Konzert mit Liedern, die er während seiner Kriegsgefangenschaft gelernt hat. Aus dieser war er geflohen, um in Frankreich wieder den Kampf in der Résistance (Widerstand) aufzunehmen. In einem anderen Barackenlager singt ein Chor deutscher Häftlinge in seiner Muttersprache das allererste und berührende „Konzentrationslager-Lied“ aus dem „Moor“, das von den deutschen Häftlingen komponiert wurde, als sie ihr erstes Lager bauten... Dachau. [Das Lied der Moorsoldaten].

„Sie kommen ... Sie kommen“

30. April... Außer dem Arbeitsdienst – die Leichenarbeiter haben keinen arbeitsfreien Tag – machen sich die Häftlinge einen gemütlichen Vormittag... Es sind so viele Stunden Schlaf aufzuholen!... Dabei hat man heute Nacht schlecht geschlafen, in Erwartung des nächsten Tages der einen sowohl mit Furcht als auch mit Hoffnung erfüllt.

Aber jetzt sind da Männer, die wie Verrückte durch das Lager laufen... Sie zeigen mit dem Finger auf ein khakifarbenes Gewimmel: Soldaten, halb gebückt, halb kriechend, unter der nahen Eisenbahnbrücke... Sie stehen auf, kommen aus dem Schatten, breiten sich in Schützenlinie aus, die Gruppe kommt im Laufschritt auf das Lager zu. Ein amerikanisches Freikorps... Ein einziger Schrei: „Da sind sie!... Da sind sie!...“ Es ist wie ein Rausch vor den Blocks... Es wird gelacht, geweint, umarmt... Man umarmt die Befreier, umringt sie so dass sie fast ersticken. Jeder will sie anfassen um sicher zu gehen, dass er nicht träumt. Es sind fast noch Kinder die sich jetzt sprachlos anschauen und mit weit aufgerissenen Augen auf diese unbeweglichen Haufen blicken: Die Leichenhaufen...

Kurz danach näheren sich Offiziere auf Jeeps, für uns noch unbekannte Fahrzeuge. Sie kommen nur schwer voran mitten durch diese jubelnde Menge von ausgemergelten Männern, deren Gesichter vom Hunger gezeichnet sind aber vor Freude strahlen. Fahnen werden geschwenkt, man weiß nicht woher sie kommen und wie lange sie dort versteckt waren... Unsere Trikolore dominiert. In den Krankenblocks versuchen Häftlinge aufzustehen. Die meisten fallen wieder hin, reglos, manche überwältigt von der Freude. Als einige amerikanische Offiziere völlig bestürzt und schweigend ob dieses entsetzlichen Schauspiels die Blocks betreten, finden sie eine unfassbare Parade von lebenden Skeletten in Habachtstellung. Auf den Matratzen weinen einige, ihre mageren Schultern beben vor lauter Schluchzen... Sie weinen über diese Freiheit, die sie so lange erhofft hatten und die sie heute nur erlangen, um zu sterben... Wie spät ist es? Man weiß es nicht einmal... Es ist Morgen, ein sonniger Frühlingsmorgen... An diesem gleichen Morgen begeht ein von der Angst erdrücktes Monster, Adolf Hitler, in der Dunkelheit seines Bunkers Selbstmord, zusammen mit seiner Geliebten Eva Braun und einigen seiner Verbrechenskomplizen.

Das vollzählige internationale Komitee hat die ersten amerikanischen Offiziere feierlich am Eingang des Lagers empfangen und sie durch das Lager geführt, ihnen die Lebenden vorgestellt und die Toten gezeigt. Jetzt wird es seine erste Versammlung als freie Menschen abhalten. Der amerikanische Kommandant ist anwesend. Durch seine Anwesenheit erkennt er die volle Macht des Komitees an. Überraschung! Ein Häftling, als „Franzose“ deportiert, entpuppt sich als amerikanischer Offizier. Er tauscht sofort seine gestreifte Kleidung gegen eine Uniform mit Tresse ein. Sein Name? Martinot. 47)

Die praktischen Fragen werden sofort in Angriff genommen. Es wird gemeinschaftlich beschlossen, dass Deutsch als die Sprache, die am meisten im Lager gesprochen wird, für alle administrativen Fragen weiter verwendet wird. Der Fall der deutschen Häftlinge wird besprochen. Die tadellose Loyalität des Lagerblockältesten Ferdinand, zeitweise angezweifelt, wird anerkannt. Er gehört jetzt zur Lagerverwaltung. Die Deutschen, die als vertrauenswürdig eingestuft werden, bleiben in ihren Funktionen. Darüber hinaus sind die politischen Häftlinge der deutschen Gemeinschaft in den Komitees vertreten und erhalten die gleichen Vorrechte wie die anderen Gemeinschaften.

Eine Frage brennt allen auf den Lippen: die Repatriierung. Die Amerikaner verlangen schnellstmöglich die Erstellung einer vollständigen Namensliste aller Häftlinge. Zahlreiche Häftlinge werden von der Ermittlungs-Kommission zu den Kriegsverbrechen befragt. Die Repatriierung der Bürger Westeuropas soll mit amerikanischen oder französischen Militärlastwagen gewährleistet werden. Um die Bürger Osteuropas werden sich die sowjetischen Behörden kümmern, die verständigt wurden.

Die benachbarten Lager - Juden und Frauen - werden der Verantwortlichkeit des Internationalen Komitees zugeordnet. Sie erhalten Vertreter in diesem Komitee. Dass die Amerikaner versprechen, unsere Lebensmittelvorräte in Kürze aufzustocken, beruhigt uns. Wir beschließen die täglichen Rationen etwas zu vergrößern.

Wir verlangen, dass in kürzester Zeit alle transportfähigen Schwerkranken in Krankenhäuser verlegt werden, in denen sie anständig versorgt werden können...

Ah! Wie gut tut dieser erste Abend als – fast – freier Mensch! Wir rauchen die paar Zigaretten, die uns unsere Befreier gelassen haben... Bald aber übermannt uns Wehmut. Wir denken an unsere Lieben, seit vielen Monaten sind wir ohne Nachrichten. Wann werden wir sie wiedersehen? Und werden wir sie überhaupt wiedersehen?

Tag der Arbeit und der Befreiung

Dienstag, 1. Mai... Ganz früh bekommen wir Besuch von einem jungen amerikanischen Oberleutnant: Oberleutnant Snyder. 48) Er wurde von den amerikanischen Behörden zum Lagerkommandant ernannt. Nachdem er den Willkommensgruß des Komitees angenommen hat erklärt er uns seinen Standpunkt zur Disziplin. Er scheint besorgt. Er befürchtet offensichtlich, dass die Häftlinge außerhalb des Lagers, völlig entfesselt, einen von Rache geprägten Ansturm auf die Bauernhöfe und Geschäfte der Umgebung vornehmen könnten. Wir fürchten das genauso. „Jegliche Plünderung – so betont er – wird strengstens bestraft werden...“. die Rolle, die einige frühere deutsche „Privilegierte“ im Lager spielen und denen von ihren Kameraden jede Berechtigung hierfür abgesprochen wird und gegen das Verhalten einiger „Polizisten“ - u.a. die Polen – die zu nachsichtig bei ihren Landsleuten und zu streng bei den anderen sind.
Oberleutnant Snyder hört zu und notiert. Bevor er sich zurückzieht beschwichtigt er uns in Bezug auf Verpflegung und Unterbringung. Er beschwichtigt nur... Wir hätten gern mehr Eile seitens unserer „Befreier“. Denn wir fühlen, wie die Gefahr der großen Ungeduld steigt. Dr. Laffitte hat bei einem kurzen Besuch im Lager Dachau zum „Mutterhaus“ Kontakt aufgenommen. Es wurde am 29. April befreit, einen Tag vor Allach. Er bringt uns Nachrichten mit. Die Situation dort ist nicht beneidenswerter als unsere. Der Typhus wütet. Leichen überall: auf dem Platz, auf den Wegen, in den Gebäuden...

Die Verpflegung ist nicht besser, weder qualitativ noch quantitativ. Die Lebensmittelvorräte schrumpfen. Aber entgegen der Gerüchte, die kursiert waren, hatten die SS-Leute vor ihrer Abreise keine kollektiven Repressalien ausgeübt. Man erfährt allerdings, dass sie am 17. April General Delstraint 49) mit einer Kugel im Nacken hingerichtet hatten!

Ein Zug mit über 2.000 Leichen steht noch am Bahnhof [Dachau]. Es handelt sich um Häftlinge eines aufgelösten Lagers. Die amerikanischen Militär-Behörden haben beschlossen, dass die gesamte Zivilbevölkerung von Dachau an den Leichen vorbeigehen muss. Vielleicht begreifen die Menschen dann, welche entsetzlichen Verbrechen unter der Hakenkreuz-Fahne von dem Regime verübt wurden, das sie so lange unterstützt haben? 

Von jetzt an wird eine tägliche Verbindung zwischen Dachau und Allach eingerichtet. Hochwürden Fily, 50) ein Baske, wird diese am häufigsten bedienen. Am späten Nachmittag findet eine große Versammlung auf dem Appellplatz statt, der jetzt frei von Leichen ist. Nach Nationen, hinter ihren Fahnen aufgestellt, treten alle gesunden Häftlinge an. Die nationalen Hymnen – die „Marseillaise“, die „Internationale“ - werden mit all der Kraft ihrer schwachen Lungen angestimmt.

So wurde der traditionelle 1. Mai nicht vergessen... Aber für uns ist es heute der Tag der Befreiung... Bei den Franzosen verlängert er sich. Nach einer künstlerischen Einlage, die George Briquet organisiert hat, melden sich nacheinander die Vertreter der Kommunistischen Partei und der Gaullistischen Organisationen zu Wort... 

Ein Dankschreiben mit Freundschaftsbekundung wird verfasst, und nachdem er allgemeine Zustimmung findet, an die drei Staatschefs der Alliierten - Präsident Truman, Premier Minister Churchill und Marschall Stalin - geschickt.

Am 3. Mai beschließt das Komitee aus praktischen Gründen die Lagerverwaltung zu reformieren. Die Exekutive wird drei Personen übertragen: Bob Claessens (Belgien), Präsident des internationalen Komitees; Oscar Mohr (Holland), verantwortlich für die Verbindung zwischen dem Komitee und den amerikanischen Behörden; und dem Deutschen Lagerchef Ferdinand [Westerbarkey]. Unsere Lebensmittelvorräte sind schon gefährlich reduziert, so dass wir die drastischste Rationierung als einzigen Ausweg sehen. Wir kommen zurück zu der täglichen Ration von zwei Suppen und 200 Gramm Brot. Dr. Laffitte verlangt vom Komitee sofort, auch Beschlagnahme als Maßnahme in Erwägung zu ziehen, um die Situation verbessern zu können.“ 51)
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1) Wie viele von den etwa 1.000 Frauenhäftlingen „Zigeunerinnen“ waren, ist unbekannt. Vgl. ITS 1.1.6.1\0001-0189\0132\0013
2) Müller. Nicht ermittelt.
3) Schreibstubenkarte: ITS 1.1.6.7\REU-ROF\1058.
4) Häftlings-Personalkarte: ITS 1.1.6.2\RIF-ROHK\00081067\.
5) Richtlinien Hitlers betreffend die Verfolgung von Straftaten gegen das Reich oder die Besatzungsmacht in den besetzten Gebieten (sog. Nacht- und Nebel-Erlaß). Dort heisst es in Abschnitt III: „Täter, die nach Deutschland gebracht werden, sind dort dem Kriegsgerichtsverfahren nur unterworfen, wenn besondere militärische Belange es fordern. Deutschen und ausländischen Dienststellen ist auf Fragen nach solchen Tätern zu erklären, sie seien festgenommern worden, der Stand des Verfahrens erlaube keine weiteren Mitteilungen.“ Zitat nach : Führer-Erlassen 1939 - 1945, Zusammengestellt und eingeleitet von Martin Moll, Hamburg 2011, S. 213.
6) Camille Ernst, * 29.9.1900, # 78005, Präfekt, Sch, verh., 1 Kind. kath., Franzose. Vgl. ITS 1.1.6.7\ENE-FAR\0608.
7) Pierre Lecène, * 31.5.1908, # 77035, Präfekt Dept. Cher, Sch, verh., 2 Kinder, ev., Franzose. Vgl. ITS 1.1.6.7\LAST-LEIBR\1028.
8) Rene Coldefy, * 16.9.1899, # 74321, Polizeipräfekt, Sch, led., kath., Franzose. Vgl. ITS 1.1.6.7\NACHTRAG01\0572.
9) Paul Emile Grimaud, * 27.2.1897, # 78253, Präfekt de Pau, Sch, verh., 1 Kind, kath., Franzose. Vgl. ITS 1.1.6.7\GRABO-GROSSH\0993.
10) Dr. Henri Laffitte, * 14.5.1897, # 103162, Arzt (Chirurg), Sch, Franzose. Vgl. ITS 1.1.6.7\LACHN-LASS\0237.
11) Georges Briquet, * 5.6.1898, # 74311, Radioreporter, Sch, verh., 1 Kind, kath., Franzose. Vgl. ITS 1.1.6.7\BRAD-BRUC\1240.
12) Moise Bouquillion, 11.6.1903, # , Boxer
13) Raoul Vignettes, * 15.1.1920 in Palau del Vidre, # 74088, Gärtner, Sch, led., kath., Franzose. Vgl. ITS 1.1.6.7\VICO-WAGM\0190.
14) Von den 1.633 in Dachau am 5. und 6. Juli 1944 registrierten Eyssois blieben 156 Häftlinge im KZ-Dachau. 87 von ihnen starben (55,8%). Nach einer mehrwöchigen Quarantäne wurden die anderen auf verschiedene Konzentrationslager verteilt. Im Juli, August und September 1944 wurden 197 Häftlinge in mehreren Transporten nach Allach verlegt. Diese Gruppe hatte die niedrigste Todesrate: 48 Männer starben während ihrer Deportation (24,4%).
15) „Organisieren“ war der internationale Begriff, der in allen Lagern verwendet wurde und bedeutete: mitgehen lassen, klauen.
16) Dr. Henri Laffitte, * 14.5.1897, # 103162, Arzt (Chirurg), Sch, Franzose. Vgl. ITS 1.1.6.7\LACHN-LASS\0237.
17) Dr. Henri Jacques, * 12.9.1896, # 72652, Arzt, Sch, Vgl. ITS 1.1.6.7\ISR-JAK\0844.
18) Dr. Henry Chretien, * 16.12.1912, # 98752, Arzt, Sch, Vgl. ITS 1.1.6.7\CHOM-CONS\0172.
19) Franz Claessen, * 4.5.1901, # 32714, Rechtsanwalt, Sch, Vgl. ITS 1.1.6.7\CHOM-CONS\0956.
20) Jean Jaques Storz, * 18.2.1914, # 72955, Sekretär, Sch, Vgl. ITS 1.1.6.7\STOC-SUC\0336.
21) Pierre Doize, * 6.11.1907, # 73373, Bauangestellter, Sch, Vgl. ITS 1.1.6.7\DIS-DRES\0538.
22) Marcel-Gabriel Riviere, * 10.3.1905, # 73945, Journalist, Sch, Vgl. ITS 1.1.6.7\REU-ROF\1058.
23) Charles Vermeulen, * 8.4.1913, # 98894, Sch, Franzose, Vgl. ITS 1.1.6.7\US-VICN\1227. Floh mit Nobilot am 1.2.1945 aus dem Lager Allach und wurde nicht gefasst.
24) Joseph Nobilot, * 24.1.1920, # 72810, Polizeiinspektor, Sch, Franzose, Vgl. ITS 1.1.6.7\NI-NOWN\0791. Floh am 1.2.1945 aus dem Lager Allach und kehrte nach der Befreiung am 01.05.1945 in das Lager zurück.
25) Pierre Lecène, * 31.5.1908, # 77035, Präfekt, Sch, Franzose, Vgl. ITS 1.1.6.7\LAST-LEIBR\1028.
26) Volkssturm: In den letzten Kriegsmonaten geschaffene Einheiten, die aus Männer zwischen 48 und 50 Jahren bestanden sowie aus bereits „Ausgemusterten“.
27) Die „Solidarität“ war von den „Eyssois“ in den Lagern eingeführt worden: Von jedem Häftling wurden von seiner täglichen kargen Ration eine dünne Scheibe Brot und ein Löffel Suppe einbehalten, um die Jüngeren und die am meisten Mitgenommenen zu „überernähren“. Diese Bewegung und diese Form der Solidarität verbreiteten sich sehr schnell in der französischen Gemeinschaft und retteten zahlreiche Leben.
28) Es gab zahlreiche Formen der Sabotage. Die aktive Sabotage bestand darin, die Maschinen zu zerstören indem man Eisenspäne oder jede andere schleifende Substanz in den Öler einführte. Dies war eine sehr gefährliche Form, auf die erbarmungslos die Todesstrafe stand durch Hängen auf dem Appellplatz. Die häufigste Sabotageform bestand darin, die Herstellungskette zu verlangsamen, was zu einer geringeren Produktion führte. Oder die unnötige Überproduktion von Teilen, was Schwierigkeiten bei der Lagerung hervorrief oder auch die unzureichende Produktion von zusätzlichen Teilen. Eine anderen Form der Sabotage: Die wenigen Häftlinge (die Prüfer), die für die Kontrolle der Stücke zuständig waren, verwarfen zahlreiche gute Teile als schlecht, die somit in die Gießerei zurückgeschickt wurden. Die Strafe für Faulheit, Trägheit, Ungeschicklichkeit oder Verstöße gegen die Disziplin, war meist die „fünf-und-zwanzig“ (25 Schläge mit dem Ochsenziemer, ausgeführt von einem starken SS-Mann auf den nackten Hintern des Delinquenten, der auf einem Tisch lag). Sowie die Strafübung,
eine Kollektivstrafe bei der eine Gruppe von Häftlingen gezwungen wurde zu laufen, zu kriechen, manchmal im Schlamm oder im Schnee, eine oder zwei Stunden im Entengang, immer umrahmt von den SS-Männern, die mit den Gewehrkolben zuschlugen, sowie ihren Hunden mit gefletschten Zähnen.
29) Diese Befürchtungen waren gerechtfertigt. Ein Telegramm mit Himmlers Unterschrift vom 14. April 1945 gab dem Lagerkommandanten von Dachau und dessen Außenlagern den Befehl, alle Gefangenen des Lagers zu vernichten.
30) Pierre Doize, * 6.11.1907, # 73373, Bauangestellter, Sch, Franzose. Vgl. ITS 1.1.6.7\DIS-DRES\0538.
31) Roland Boulanger, * 8.4.1906 in Sacy le Grand, # 6322, 101412, Kraftfahrer, Sch NN, verh., 2 Kinder, kath., Franzose, wurde am
26.11.1943 von der Sipo in das KZ-Natzweiler überstellt. Wurde am 6.9.1944 über das KZ-Dachau nach Allach verlegt.
Vgl. ITS 1.1.6.7\BOM-BRAC\1379.
23) Roger Leroy, * 28.07.1911 in St. Maur des Vosses (Seine), # 101645, Kesselmacher, Soldat von 15.4. bis 6.8.1949, Sch, verh., 2 Kinder,
Franzose, wurde am 14.1.1943 in Paris verhaftet und von der Sipo Paris am 11.7.1943 in das KZ-Natzweiler überstellt. Wurde von dort
am 6.9.1944 über das KZ-Dachau nach Allach verlegt. Vgl. ITS 1.1.6.7\LEIBS-LEWE\0880.
33) Lucien Cladé, * 7.2.1900 in Noisy le Fraud, # 76185, Ingenieur, Sch, verh., 1 Kind, kath., Franzose, wurde am 2.7.1944 von der SiPo Lyon
über das KZ-Dachau in das Außenlager Allach überstellt. Vgl. ITS 1.1.6.7\CHOM-CONS\1116.
34) Gärtnerei Nützl. Das Kommando der Gärtnerei Nützl in Ludwigsfeld bestand aus 30 - 45 Häftlingen. Nützl war ein Hauptlieferant für Obst und Gemüse in mehrere Konzentrationslager.
35) Küchenbaukommando Großberghofen.
36) Jean Jacques Stortz, * 18.2.1914 in Barembach, # 72955, Sekretär, Sch, led., Franzose. Vgl. ITS 1.1.6.7\STOC-SUC\0336.
37) Die politischen Häftlinge trugen auf ihren Westen ein rotes Stoff- oder Metall-Dreieck mit ihrer Kennnummer und ihrer Nationalität (F für die Franzosen, R für die Russen), die „Winkel“. Für die „Kriminellen“ war dieser Winkel grün, für die „Arbeitszwang-Häftlinge oder Asoziale“ schwarz.
38) Dr. Jaques Laffitte, * 14.5.1897 in Chef-Boutonne, # 103162, Sch, Arzt (Chirurg), Sch, Franzose. Vgl. ITS 1.1.6.7\LACHN-LASS\0237.
39) Franz Claessen, * 4.5.1901 in Antwerpen, # 32714, Rechtsanwalt, Sch NN, verh., 2 Kinder, Belgier. Vgl. ITS 1.1.6.7\CHOM-CONS\0956.
40) Aba Scarbak, * 24.3.1914 in Saroca (Rumänien), # 77934, Arzt, Sch, led., orth., Rumäne. Vgl. ITS 1.1.6.7\SARL-SCHEE\0663.
41) Andre Nonmailler, * 5.2.1905 in St. Andre, # 72812, Offizier, Sch, verh., kath., Franzose. Vgl. ITS 1.1.6.7\NI-NOWN\0926.
42) Ferdinand Westerbarkey, * 23.2.1914 in Gütersloh, # 45714, Konsulatssekretär, Sch, verh., 1 Tochter, Deutscher. Lagerschreiber. Vgl. ITS 1.1.6.7\WEISZ-S-WIEDEQ\1397.
43) Pierre Lecène, * 31.5.1908 in Paris, # 77035, Präfekt, Sch, verh., 2 Kinder, ev., Franzose. Vgl. ITS 1.1.6.7\LAST-LEIBR\1028.
44) George Briquet, * 5.6.1898, # 74311, Radioberichterstatter, Sch, Franzose, Vgl. ITS 1.1.6.7\BRAD-BRUC\1240.
45) Leopold Roque, * 16.10.1905, # 73959, Tonnenmacher, Sch, Franzose, Vgl. ITS 1.1.6.7\ROG-ROSF\0725.
46) Henri Dussoge, * 15.5.1913, # 73412, Beamter, Sch, Franzose, Vgl. ITS 1.1.6.7\DRET-DYLX\1349-048.
47) Pierre Maurice Martinot, * 9.8.1903 in Luneville, # 77970, Künstler, Sch, led. kath. Amerikaner. Vgl. ITS 1.1.6.7\MARTIN-MAYA\0268.
48) Charles Snyder, Oberleutnant , 1. US-Kommandant des Außenlagers Dachau-Allach.
49) Charles Delstraint, * 12.3.1899 in Biache, # 103027, Sch NN, General, Franzose. ITS 1.1.6.7\NACHTRAG01\1206.
50) Joseph Marie Fily, * 26.4.1891 in Vannes, # 78227, Sch, Geistlicher, .led., kath., Franzose. Vgl. ITS 1.1.6.7\FILIPIS-FOM\0112.
51) Marcel-G. Riviere, Das Ende eines Lagers wie alle anderen, KZGSD Archiv 16401. Übersetzt von Marie Temme. 

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