Häftling im KZ-Außenager Dachau-Allach
„Anfang Dezember 1936 wurde ich als politischer Häftling in das KZ Dachau eingeliefert. Nach etwa 14 Tagen erfolgte meine Überstellung nach München-Stadelheim. Am 27.1.1937 wurde ich in München wegen Hochverrats verurteilt. Nach Verbüßung meiner Strafe kam ich Anfang März 1938 wieder in das KL Dachau. Dort verblieb ich bis März 1943. Zu diesem Zeitpunkt wurde in Allach ein Nebenlager errichtet. Mit 5 oder 6 weiteren deutschen Häftlingen kam ich in das betreffende Lager, wo ich bis zum 26.4.1945 inhaftiert war. Ich beteiligte mich an dem Marsch der deutschen und russischen Häftlinge in Richtung Bad Tölz. Anfangs Mai 1945 wurden wir Häftlinge von den amerikanischen Truppen befreit. Ich hatte die Häftlingsnummer 11136, (?) 13594 und 35. Im alten Lager war ich im Block 6 und im neuen Lager in den Blocks 1, 2 und 6, untergebracht. Ich gehörte während meines dortigen Aufenthaltes folgenden Kommandos an: Kiesgrube, Gärtnerei und Bekleidungskammer.
Das Vorkommando für Allach wurde schon in den ersten Tagen des März 1943 zusammengestellt. Es bestand aus Schöller, 1) Carl, 2) Rohr, 3) Gröner 4) und einem sudetendeutschen Friseur, dessen Name mir entfallen ist. Wir wurden erst in Quarantäne gehalten, weil damals noch Sperre wegen Typhus bestand und kamen erst Ende März nach Allach.
Dort standen nur einige Baracken, alles leer und kein Drahtzaun. Wir waren also vollständig frei in der Natur. Nach zwei bis drei Wochen kamen die ersten Häftlinge und auch Wachmannschaften. Lange Zeit hatte ich die Kammer. Später war ich kurze Zeit Blockältester, dann Lagerpolizei und Werkspolizei in den BMW-Werken. Aber auch nur kurze Zeit, dann kam ich in die Küche, wo ein Grüner Kapo war [Grüner Winkel = „Berufsverbrecher“] und sehr starke Unregelmäßigkeiten vorkamen. Nach meinem Abtransport nach Dachau wollte mich Weber 5) nach Dachau holen, bekam mich aber nicht frei, weil wir alle indirekt dem BMW-Werk unterstanden. In der Küche hatten immer ca. 10 - 11.000 Häftlinge und ca. 800 Wachmannschaften Verpflegung. Jarolin war Lagerführer und Eberl sein Stellvertreter. In der Küche war ich bald derjenige, der alles regeln musste - auch das schwarze Herbeischaffen von zusätzlichem Fleisch aus der Lagermetzgerei, natürlich mit Wissen von Jarolin. Wenn ich Zigaretten für die Polen in der Metzgerei in Dachau im Auftrag von Jarolin in der Kantine verlangte, was ohne Anstände ging, brachte ich dafür mindestens 2 Zentner Wurst oder zusätzlich noch ein Viertel Rind mit, so dass bei uns in Bezug auf die Brotzeitportionen nicht unter dem Gewicht geschnitten wurde.
Außerdem bekamen wir vom Werk wöchentlich 2–3-mal Wurst zusätzlich für die Nachtschichten. Jede zweite Woche hatte die Hälfte der Belegschaft abwechselnd Nachtschicht. 4.500 Mann von 6:00 - 18:00 Uhr und 4.500 Mann von 18:00 bis 6:00 Uhr. Ich hatte auch die Mannschaftsküche und die Kantine für die Offiziere, Kommandoführer, usw. zu betreuen. Not hatten wir nicht, weil wir zusätzlich vom Werk Mehl, Nudeln, Bohnen, Kartoffeln, usw. bekamen.
Am Abend des 26. April 1945 wurden alle Russen und Deutschen aufgerufen, auf Transport zwecks Evakuierung des KL Dachau zu gehen. Unser Lagerältester, ein Oberleutnant der ,Legion Condor‘ mit Namen Otto Westerbarkey 6) dachte natürlich nicht daran, auf Transport zu gehen. Von den Deutschen gingen nur wenige mit, darunter auch ich, trotz des gewaltsamen Versuchs eines SS-Oberscharführers in der Lebensmittelverwaltung, ein Österreicher, der mich mit vorgehaltener Pistole anflehte, nicht mitzugehen. Aber ich ging mit den Russen. Du glaubst nicht, welche beruhigende Wirkung das auf sie machte. Sie sahen, dass der Kapo der Küche mit ihnen ging. Der Marsch unter freiem Himmel bei Schneetreiben und Regen [dauerte] bis zum 2. Mai. In der Nacht vom 2. auf 3. Mai 1945 holten uns die amerikanischen Panzer in Beuerberg südlich von Bad Tölz ein. Dort war für uns das Ende der Hitler-Zeit. Zurück ins Lager gekommen, wurden wir nach 4 Wochen Quarantäne von den Amerikanern täglich in einem LKW nach allen Richtungen gefahren. Ich wurde am 4. oder 5. Entlassungstag nach Bayreuth mit einem Transport für Norddeutschland verfrachtet. Von dort ging es zu Fuß in die Heimat.“
In Allach war ich gleichfalls Kapo der Häftlingsbekleidungskammer, vorübergehend Blockältester vom Block 3, Angehöriger der Lagerpolizei im BMW-Werk und zuletzt Küchenchef. Wie ich bereits erwähnte, wurde anfangs März 1943 das Nebenlager Allach errichtet. Bei meinem Eintreffen war das Lager umfriedet, jedoch die ersten Tage nicht bewacht. Auf dem Gelände waren 9 Baracken, 1 Küchenbaracke und 1 kleinere Baracke erstellt, in der wir 5 Häftlinge untergebracht wurden. Jetzt fällt mir ein, dass zwischen der Küche und unserer Unterkunft noch ein kleiner Schuppen vorhanden war. Scholler war als Lagerältester und ich für die Verwaltung vorgesehen. Ein Häftling mit dem Vornamen Hans, der früher Fremdenlegionär 7) war, führte das Arbeitskommando. Der Sudetendeutsche Franz Gröner war Kalfaktor 8) der SS-Angehörigen. Der fünfte fällt mir augenblicklich nicht ein.
Lagerführer war der SS-Obersturmführer Jarolin, stellvertretender Lagerführer war SS-Hauptscharführer Sebastian Eberl. Nach etwa 10 bis 14 Tagen trafen die ersten Transporte von Häftlingen im Nebenlager Allach ein. Bis Ende 1943 war das Lager mit etwa 10.000 bis 11.000 Häftlingen voll belegt. Es handelte sich vorwiegend um russische, französische, polnische, jugoslawische, italienische und auch einige deutsche Häftlinge.
Die Zahl der deutschen Häftlinge betrug etwa 120 bis 150. Durchschnittlich betrug die Stärke der SS-Bewachungsmannschaft 800 Mann. Eberl ist mir aus dem KL Dachau nicht in Erinnerung. Ich habe ihn erst im Nebenlager Allach kennen gelernt. Im Nebenlager Allach war er nicht als Schläger bekannt. Gegenüber Jarolin war er unterwürfig. Tötungshandlungen von ihm sind mir nicht in Erinnerung. In Allach wurden meines Wissens 5 bis 7 Häftlinge aufgehängt. Auf der Lagerstrasse wurden dann zwei Galgen aufgestellt. Bei den Exekutionen mussten immer alle antreten. Die Delinquenten kamen immer aus dem Bunker. Ein Urteil wurde in diesen Fällen nicht verlesen. Nach meiner Erinnerung waren immer Jarolin und Eberl sowie einige Blockführer anwesend. Ob Eberl bei diesen Hinrichtungen sich beteiligte, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich weiß noch, daß einmal 3 Häftlinge aufgehängt wurden. Soweit ich mich erinnere, erfolgten die Erhängungen meistens abends, wenn die Arbeitskommandos eingerückt waren.
Erinnerlich ist mir auch noch, dass ein 15-jähriger russischer Häftling, der auf meinem Block lag, angeblich wegen Sabotage aufgehängt wurde. Der Henker war ein langer Blockführer namens Stuz (phon.), Kap oder Szafersky. 9) Die beiden letztgenannten kamen meistens mit einem Lastwagen vom Hauptlager (Dachau) angefahren. Mir ist nicht mehr in Erinnerung, dass im Nebenlager Allach Häftlinge erschlagen oder erschossen wurden.
Bezüglich der Erschießung der russischen Kriegsgefangenen im Jahre 1941/42 kann ich folgendes angeben: Die Erschießungen fanden jeweils in den Morgenstunden etwa um 7:30 bis 8:00 Uhr statt. Ich berichtige, diese fanden ab 7:30 oder 8:00 Uhr bis etwa 10:00 Uhr statt. Ich weiß dies deshalb so genau, weil ich als Kammerkapo morgens immer 10 Schürzen, 10 Handtücher und 10 Paar Fäustlinge herrichten musste. Diese Bekleidungsstücke und die Handtücher wurden zu dieser von einem mir nicht mehr erinnerlichen SS-Angehörigen mit einem Kfz abgeholt. Die blutigen Bekleidungsstücke und die Handtücher wurden in der Wäscherei abgegeben und dann habe ich sie wieder in im Empfang genommen. In der Wäscherei war der Hauptscharführer Wagner 10) Chef und der Kapo, der mir diese Sachen wieder brachte, war ein Sudetendeutscher, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann. Mir ist auch bekannt, daß für die Beteiligten an den Exekutionen von der Küche oder Wäscherei ein Kessel mit heißem Wasser und Seife bereitgestellt wurden. Am 1.1.1939 wurde ich Kapo der Häftlingsbekleidunskammer. Diese Tätigkeit führte ich bis zu meiner Überstellung in das Nebenlager Allach aus.
In Allach war ich gleichfalls Kapo der Häftlingsbekleidungskammer, vorübergehend Blockältester vom Block 3, Angehöriger der Lagerpolizei im BMW-Werk und zuletzt Küchenchef. Wie ich bereits erwähnte, wurde Anfang März 1943 das Nebenlager Allach errichtet. Bei meinem Eintreffen war das Lager umfriedet, jedoch nicht bewacht. Auf dem Gelände waren 9 Baracken, und 1 kleinere Baracke erstellt, in der wir 5 Häftlinge gebracht wurden. (...) Bis Ende 1943 war das Lager mit etwa 10.000 bis 11.000 Häftlingen voll belegt. Es handelte sich vorwiegend um russische, französische, polnische, jugoslawische, italienische und auch einige deutsche Häftlinge. Die Zahl der deutschen Häftlinge betrug etwa 120 bis 150, durchschnittlich betrug die Stärke der SS-Bewachungsmannschaft 800 Mann.
Auf der mir vorgelegten Lichtbildtafel erkenne ich auf Bild Nr. 9 und 10 Sebastian Eberl wieder. Die auf Bild Nr. 1 und 7 Abgebildeten kommen mir bekannt vor, ohne dass ich ihre Namen nennen kann.“ 11)
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1) Wilhelm Schöller, * 31.8.1915 in Augsburg, # 1047, Hilfsarbeiter, Sch., led., kath. Deutscher. Vgl. ITS 1.1.6.7\SCHLI-SCHQ\1519.
2) Alfred Carl, * 17.1.1902 in Kleingarnstadt, # 35/13594, Kaufmann, led., kath., Deutscher. mxSch., Vgl. ITS 1.1.6.7\BURGET-CD\1223.
3) Hans Rohr, * 7.10.1905 in Nürnberg, # 403, Schreiner, led., ev., Deutscher. Sch., vgl. ITS 1.1.6.7\ROG-ROSF\0191.
4) Georg Gröner, * 21.9.1899 in Neustadt, # 1899, Buchdrucker, verh., 1 Kind, ev., Deutscher. mxSch., Vgl. ITS 1.1.6.7\GRABO-GROSSH\1258.
5) Weber, Nicht ermittelt.
6) Ferdinand Westerbarkey, * 23.1.1914 in Gütersloh, # 45714, Kaufmann, verh., gottgl., Deutscher. mxSch., Lagerschreiber, Konsulatssekretär. Vgl. ITS 1.1.6.7\WEISZ-S-WIEDEQ\1397.
7) Hans Rohr, * 7.10.1905 in Nürnberg, # 403, Schreiner, led., ev., Deutscher. Sch., Vgl. ITS 1.1.6.7\ROG-ROSF\0191.
8) Franz Gröner, Kalfaktor der SS bedeutete im KZ
9) Carl meint hier den SS-Mann Stutz [Zenner], später SS-Arbeitseinsatzführer bei BMW in Halle 3 und Nachfolger von „Papa Geiß“ (Ludwig Geiß). 10) Wilhelm Wagner, * 28.11.1904 in Augsburg; † 29.5.1946 in Landsberg am Lech. SS-Hauptscharführer, von April bis August 1944 im Außenlager Allach als Kommandoführer eingesetzt. Vgl. IMT Case No. 000-50-2 (US vs. Martin Gottfried Weiss et al) Tried 13 Dec.
11) Gustav-Alfred Carl, StaA München, Staatsanwaltschaften, 34814/1, Blatt 222 f.
