KZ-Häftling im O.T.-Lager Allach-Karlsfeld
Speizer, Sandor, * 12.10.1927 in Ersekujvar, # 79658, Sch., Jude, led., Ungar. war am 17. Mai 1944 nach Auschwitz verschleppt worden.
„Die Kriegszeit erreichte mich in Nove Zamky in der Südslowakei, die nach München zu Ungarn fiel. Als die ungarischen Juden im Mai 1944 deportiert worden sind, teilte ich das Los aller und wurde am 17.5.1944 vom Ghetto meiner Geburtsstadt mit meinen Eltern nach Birkenau verschleppt. Die Selektion betraf meine Mutter am Tage der Ankunft. Nur der Zufall wollte, dass ich vom Kinderblock entkommend um einen Tag der Vernichtung entglitt. Ich schlich mich in den Block meines Vaters und verblieb die Folgezeit mit ihm bis zur Befreiung, die mich im Lager Allach erreichte.
Nach Allach kam ich schon im Juni 1944 - mit einer Gruppe, die etwa 300 - 500 Männer zählte. Wir waren die ersten Häftlinge im Lager Allach. Unser Lager war durch einen Drahtzaun vom Lager sowjetischen Kriegsgefangenene abgesondert.
Doch unser Lager wurde zu Beginn durch Angehörige der OT verwaltet. Wir wurden im Werk BMW, bei Aufräumungsarbeiten in München, beim Bunkerbau - bei Firma Sager und Werner zu Arbeiten eingesetzt. Ich wurde - mit Berücksichtigung meines zarten Alters zum Lagerältesten als Bedienter genommen. Der erste Lagerführer hiess Mayer, 1) der nach 6 Monaten durch Busch 2) abgelöst wurde.
Ungefähr 2 Monate vor der Befreiung, die am 1. Mai 1945 erfolgte, kam der SS-Obersturmführer Jellinek 3) als neuer Lagerführer. Mit ihm wurde das Lager an die SS überliefert. Doch zur Zeit der SS blieben die OT-Angehörigen im Orte, doch sie hatten keine Gewalt mehr über uns. Das Lagerregime veränderte sich mit Ankunft der SS zu unserem Nachteil, wir mussten von neuem die Grausamkeiten durchleben.
Befragt auf Tötungen im Lager Allach, weiss ich mich keiner direkten Tötung erinnern. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass Häftlinge nicht umgebracht worden sind. Die Sterblichkeit wuchs insbesondere nach Übernahme des Lagers durch die SS an. Häftlinge wurden oft grausam geprügelt. Die allgemeine Schwäche der Häftlinge, durch unzulängliche Verpfelgung bedingt, bot Grundlage zu absolut fehlender Widerstandsfähigkeit.
So wurden nach Appellen, die auch 24 Stunden im Winter dauerten - Leichname der Häftlinge in Massen gesammelt. Die Toten wurden zur Verbrennung nach Dachau verbracht, doch gegen Ende, als die Zahl der Toten anwuchs, konnte der Transport die Aufgabe nicht mehr bewältigen und die Leichname wurden auf der Stelle begraben.
Auch Schwerkranke vom Revier wurden nach Dachau verschickt, kein einziger kehrte zurück. Ich erinnere mich an folgende Ärzte - Dr. Molnar, 4) Dr. Sander, 5) beide aus Timisora. Die Ärzte rieten den Häftlingen nicht im Revier zu verbleiben, denn sie wussten um das Los der vom Revier abgeholten.
Der SS-Obersturmführer JelIinek ergötzte sich in den Qualen der Juden. Es ist mir erinnerlich, dass etwa im März 1945 Jellinek den Rabbin Dr.Klein aus Nove Zamky kommunistischer Propaganda beschuldigte.Jellinek, der damals noch Kommandant des banachbarten KGF-Lagers gewesen war - war zugegen, als unser Lagerführer Mayer den Dr.Klein ein Grab für sich ausheben liess. Alle Lagerinsassen mussten zusehen, wie Mayer dann den Rabbiner Dr.Klein in das Grab absteigen liess. Dr. Klein hub an laut sein Totengebet zu rezitieren - Mayer zielte auf Klein seine Pistole und brüllte auf uns - so wird er alle Lagerinsassen erledigen. Dann liess er trotzdem ab von seiner Absicht, liess den Dr.Klein aus der Grube herausziehen und prügelte ihn bestial. Zusätzlich liess Mayer den Dr. Klein 6) mit vorgestreckten Armen strammstehen bis in die Nachmittagstunden. Dr.Klein, der schon damals in der wissenschaftlichen Welt (eine) bekannte Persöenlichkeit gewesen war lebt heute in Kanada, ist Oberabbiner in Toronto.
Nach Januar 1945 wurden nach Allach evakuierenden Häftlinge - später sogar Häftlingsfrauen - von anderen Lagern eingebracht. Damit wurde auch eine Typhusepidemie ins Lager engeführt, die enorme Ente feierte. Befreit wurde ich durch Amerikaner.” 7)
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1) Leonhard Meyer, * 3112.1899, SS-Rapportführer, Lagerführer 0.T.-Lager Allach-Karlsfeld von Juli 1945 bis Ende August 1944.
2) Georg Gabriel Busch, * 25.5.1901, SS-Rapportführer, Lagerführer 0.T.-Lager Allach-Karlsfeld von September 1944 bis Ende Januar 1945.
3) Erich Jellinek, * 13.1.1911, SS-Obersturmführer, Lagerführer 0.T.-Lager Allach-Karlsfeld von Februar 1945 bis Ende April 1945.
4) Dr. Vilmos Molnar, Arzt, * 23.11.1894 # 71099, Vgl. ITS 1.1.6.7\MILD-MOK\1632.
5) Dr. Janos Sander, Arzt, * 13.9.1888, # 71255, Vgl. ITS 1.1.6.7\SAG-SARK\1150.
6) Dr. Josef Klein, * 28.8.1908, # 137103, Rabbiner, Vgl. ITS 1.1.6.7\KLEIN-F-KNY\0175.
7) Sandor Speiser, BArch B 162/16124, Blatt 20.
