Der Revierblock im SS-Arbeitslager

Wichtig war, dass nur „arbeitsfähige, voll einsatzfähige Häftlinge“ nach Allach überstellt werden sollten, „damit beim Arbeitslager, das vom Stammlager räumlich weit entfernt ist, nicht die Errichtung eines großen Krankenreviers notwendig wird.“ 1)

Die „Eröffnung“ des BMW-Außenlagers Allach stand unter einem „schlechten Stern“. Das Ende Januar 1943 mit über 2.100 Häftlingen belegte Lager war zu diesem Zeitpunkt nur teilweise fertiggestellt. Ein Quarantänebereich - so wie in anderen Arbeitslagern üblich - fehlte. Da auch in Dachau die Typhusseuche wütete, landeten die großen Häftlingstransporte aus den KZ Natzweiler, Niederhagen, Buchenwald und Flossenbürg direkt in Allach. Der Gesundheitszustand der ankommenden Häftlinge - insbesondere der aus Flossenbürg - war besonders schlecht. 2)

Bereits vor der Übernahme des Lagers durch den 1. Schutzhaftlagerführer und SS-Obersturmführer Josef Jarolin am 15.2.1943 brach innerhalb des Lagers eine „Typhusepedemie“ aus. Diese Typusepedemie wurde von Häftlingen aus anderen Lagern eingeschleppt. Sie dauerte 126 Tage (Damit dürfte die Quarantänezeit in Allach gemeint sein). Der als Revierpfleger in Allach eingesetzte KZ-Häftling Michael Rauch hat darüber Aufzeichnungen angefertigt, die uns erhalten geblieben sind. Allerdings sind diese nicht immer ganz eindeutig. So kennzeichnet er in seiner Totenliste lediglich die an TBC Verstorbenen. In den Totenscheinen der übrigen Opfer ist allerdings Typhus vermerkt.

Die Epidemie dauerte vom 26.1.1943 bis 1.6.1943, Block 13 des Außenlagers wurde zum „Typhusblock“. 3) Wir wissen aus anderen Konzentrationslagern, dass diese „Seuchenblöcke“ normale Baracken waren, die zusätzlich mit Zäunen gesichert wurden, um damit den Kontakt zu anderen Häftlingen zu verhindern und damit die Ansteckungsgefahr zu mindern. Im Juni 1943 wurde Block 13 wieder geschlossen und die Häftlinge vom Block 5 übernommen.

Insgesamt verstarben im o.g. Zeitraum in Dachau-Allach 78 Häftlinge, davon 25 an Tuberkulose (TBC). Mit dem Ende der Quarantäne war das Typhus- und TBC-Problem freilich nicht erledigt. Immer wieder wurden im Verlauf des Jahres 1943 Häftlingstransporte in das Krankenrevier nach Dachau mit dem Befund „TBC-Verdacht“ überstellt.

Das TBC-Problem in Allach bestand von Anfang an und weist auf die katastrophalen Hygieneverhältnisse hin. Die Ausstattung der Holzbaracken mit nur einem Ofen, die mangelnde Frischwasserver- und Abwasserentsorgung, unzureichende Toiletten- und Waschanlagen sowie gestampfte Lehmfußböden in den Baracken, die sich bei Regen in Schlamm verwandelten, begünstigten den Ausbruch von Krankheiten wie Tuberkulose (TBC) und Typhus. Nach dieser Typhusepedemie wurden Verbesserungen in den Hygiene eingeleitet. Ab Sommer 1943 wurden alle Lehmfussböden durch Betonestriche ersetzt, zusätzliche Toiletten und Waschanlagen von den Häftlingen errichtet. 4) Wie in vielen anderen Lagern blieb allerdings auch in Dachau-Allach das Wanzen- und Läuseproblem bestehen. Ende November 1943 berichtet Rauch von einem erneuten Typhusverdacht, weshalb er Typhusschutzimpfungen durchführen ließ. Er hoffte damit die Epidemiegefahr gebannt zu haben.5) Das Krankenrevier bestand zu dieser Zeit lediglich aus einer Krankenbaracke, die einmal pro Woche von dem aus dem KZ-Dachau kommenden SS-Arzt Dr. Babor 6) inspiziert wurde.

Zur Jahreswende 1943/44 spitzte sich die Situation im Lager erneut zu. 84 TBC-Verdächtige wurden in das Hauptlager nach Dachau überstellt, die Häfte davon Russen.7)

Behandlungsgründe in der Folgezeit waren vor allem die Verletzungen der Häftlinge, die ihnen durch prügelnde Kapos zugefügt wurden und Arbeitsunfälle. Rauch gelang es offenbar, die Kapos von ihrer Prügelei abzubringen. Dies hatte jedoch zur Folge, dass die SS-Männer nun selbst schlagen mussten. Mit dem Verweis auf den vorliegenden eklatanten Mangel an medizinischem Verbandsmaterial gelang es ihm, kurzfristig davon denLagerkommandant Jarolin zu überzeugen, dass Prügel mehr schaden als nützen würden.
Dieser Zustand schien bis Sommer 1944 - dem Zeitpunkt der Rückverlegung von Rauch nach Dachau - angehalten zu haben. SS-Unterscharführer Bablik (SDG - Sanitätsdienstgrad) wollte Rauch „ablösen“ lassen und trachtete ihm nach dem Leben. Rauch „entkam“ der Situation, indem er sich mit Hilfe seiner Kameraden in das Außenkommando Schlachters am Bodensee zu Dr. Plöthner „versetzen ließ“. 8)

Bereits im Herbst 1943 9) erfolgte am östlichen Rand des Lagers der Baubeginn der Lagererweiterung um einen Krankenbau und um vier Quarantäneblocks.

Wie sah der „normale“ Krankenbetrieb im Außenlager Allach aus? Eine eindruckvolle Beschreibung liefert uns der Häftling Adolf Gross. Er schreibt: „Die Revierblöcke erschienen mir wie riesige Apotheken, in welchen die Betten als Kommodenschubladen, in zwei Stockwerken übereinandergeschichtet, lagen. Die Kurvenblätter hingen gleich Etiketten am Fußende; sie spielten insofern eine wichtige Rolle, als sie es waren, welche die mager verordneten Arzneien, Pillen, Bestrahlungen und Massagen bekamen. Wir waren oft bass erstaunt, wenn wir nach-
träglich lasen, was uns nicht alles an Heilmitteln verabreicht worden war im Laufe der Woche. Nun, genügte es nicht, daß es ordnungsgemäß auf der Kurve stand? Auch die Zick-Zackstriche waren höchst ordentlich, anschaulich und farbig draufgemalt; nur, daß die Pfleger meist vergaßen, uns den Puls zu befühlen; es waren Erzeugnisse ihrer Phantasie. Die Hauptsache war, daß die Statistik stimmte, und daß man Attrappen hatte fürs Schaufenster der Apotheke. Auch hier gab es eine Paradebaracke für etwaige Besuche von auswärts.

Da lagen die Prominenten drin, die alles in Hülle und Fülle hatten, während Plebs und Parias in die hintern Schubladen gestopft wurden und sehen konnten, wie sie zurechtkamen. Was die Küche lieferte, waren vier Kostarten: Vollkost, worunter die gewöhnliche Lagerkost verstanden wurde, Diät, Breikost und Nulldiät. Es war wichtig, daß das Revierpersonal auf der Höhe blieb, und so versorgten sich die Ober- und Unterpfleger und das Heer der Stubendienste zunächst einmal selbst und zwar mit allen Kostarten, die Nulldiät ausgenommen, - denn die bestand aus Nullen. Was noch übrig blieb, musste für die Kranken ausreichen, dafür hatten sie keine Arbeit und keinen Appetit, versteht sich. Sie mußten ja doch sterben. Sterben? Nein, sie starben nicht, sie ‚gingen ein‘, wie der Revierausdruck wohllautend sagte. Nummern sterben nicht, Nummern verschwinden spurlos, und eine andere Nummer rückt an die Stelle der alten. Auch die Kranken selbst schienen den Respekt vor dem Tode verloren zu haben. Nichts wirkt so ansteckend wie die Fahrlässigkeit gegenüber dem Ewigen. Und so musstest du denn im Gewühl der Lärmenden und Gleichgültigen deinen letzten Gang antreten.“ 10)

„Zu den bedeutensten Stätten der Solidarität und Resistenz gehörte in allen Konzentrationslagern das Krankenrevier“. 11)

Diese von Stanislav Zamecnik getroffene Feststellung galt auch für das Außenlager Dachau-Allach. Mit der Lagererweiterung im Frühjahr 1944 war eine große Revierbaracke und vier „Quarantänebaracken“ erbaut worden. Damit konnten Häftlingstransporte direkt nach Allach geleitet werden. Nur die Erfassung der Häftlinge musste noch über das KZ-Dachau abgewickelt werden. Wir können nur vermuten, dass diese Erweiterung aus den Erfahrungen mit der Typhusepedemie ab Januar 1943 resultierte. Auch die zunehmende Knappheit hochspezialisierter arbeitsfähiger KZ-Häftlinge für den BMW-Flugmotorenbau dürfte bei dieser Lagererweiterung eine Rolle gespielt haben. Die Anlernzeit betrug bei diesen Arbeitskräften bis zu 3 Monate. Nicolaus Hoffmann berichtet, dass alle bei BMW-Allach arbeitetenden KZ-Häftlinge im Winter 1943/44 gegen Typhus geimpft wurden. 12)

Im Krankenrevier konnten hilfsbedürftige Häftlinge mit Hilfe der Ärzte und Pfleger aus dem „üblichen KZ-Geschehen“ herausgenommen, gewissermaßen „geparkt“ und wieder aufgepäppelt werden. Wie in Dachau waren auch in Allach sowohl die Ärzteschaft als auch die Pfleger international zusammengesetzt. Grundsätzlich galt, dass „(...) jeder Patient, der nicht innerhalb von drei Monaten gesundete oder bei dem die Voraussetzungen zu einer Gesundung in diesem Zeitraum fehlten“, 13) automatisch in die Kategorie der Invaliden fiel. Dies bedeutete nicht nur die Rückverlegung nach Dachau, sondern auch die Gefahr für die „Invalidentransporte“ selektiert zu werden. Unter der Tarnbezeichnug 14 f 13 14) wurden für diese Aktionen auch in den Außenlagern die nicht mehr Arbeitseinsatzfähigen ausgesondert und zur Ermordung nach Auschwitz oder Hartheim bei Linz „auf Transport geschickt“. Diese Selektionen fanden nach Zeitzeugenberichten mindestens drei Mal in Allach statt und waren ein weiterer Grund, warum Häftlinge schwere Krankheiten verheimlichten. Das Ärztepersonal versteckte teilweise Schwerkranke im Revier, fälschte Fieberkurven und Diagnosen. Der auch für Allach zuständige Chefarzt des KZ-Dachau, der SS-Arzt Dr. Hintermayer mit seinem SDG 15) Dr. Bablik beschränkte sich auf eine wöchentliche Visite in Allach.

Etwa zwei Wocher vor der Befreiung brach im Lager erneut eine Typhusepidemie aus. Der ständige Zustrom evakuierter und kranker Häftlinge ließ sich medizinisch nicht mehr kontrollieren. Der Häftling Véran Cambon de Lavalette 16) schreibt darüber: „Hunderte von Typhuskranken, zuletzt in zwei Blöcken, die von Stacheldraht umgeben sind, wurden isoliert. Einer der Neulinge in Block 2, Dr. Barbin 17) aus Argenteuil schloss sich freiwillig seinen Kollegen an, die sich mit ihren Patienten einsperren liessen.“ 18)
Zwei Blöcke waren auf Veranlassung von Dr. Laffitte dazu kurz vor der Befreiung geräumt worden und zu „Typhusblöcken“ erklärt worden. Riviere nennt hier die Blocks 22 und 23. 19) Arbeitsunfälle von KZ-Häftlingen im BMW-Werk wurden nicht durch Werksärzte der Firma BMW behandelt. Sie mussten zur Behandlung ins Lager zurückgebracht werden 20) und TBC-Kranke wurden von Allach grundsätzlich nach Dachau überstellt, da dort zur Untersuchung der Häftlinge Röntgenapparate zur Verfügung standen.
_______________________________

1) Schreiben des SS-Obersturmbannführers Liebehenschel vom 25.2.1943 an die KZ-Kommandanten von Flossenbürg, Natzweiler, Buchenwald und Dachau in: BArch NSA-FL 390, Blatt 183. Wann genau die Entscheidung zum Bau eines eigenen Kranken- und Quantänenlagers erfolgte, konnte bisher nicht ermittelt werden. Diese dürfte vermutlich unter dem Eindruck der Typhusepidemie bereits im Frühjahr 1943 gefallen sein. Nach den Unterlagen der Lokalbaukommission München hatte die Firma Eckardt im Auftrag von BMW am 23. November 1944 mit den Installationsarbeiten für Wasser und Abwasser für diese Erweiterung begonnen. Die Planungen zur dieser Lagererweiterung begannen bereits im März 1943.
2) Vgl. dazu: BArch NSA-FL-390, Blatt 237.
3) Offenbar war die Kapazität des Krankenreviers überschritten. Deshal wurde Block 13 zum Quarantäneblock bestimmt und mit Stacheldraht umzäunt. Vgl. Michael Rauch, KZGSD Archiv 5639, Seite 1 f.
4) Vgl. Bericht von Wladyslaw Hudy, in: StaA München, Staatsanwaltschaften 34814/2, Blatt 358.
5) Michael Rauch, 8.11.1894 in Kaufbeuren, # 23071, Bäcker, Sch mx, verh., 1 Kind, Deutscher. Revierkapo. ITS 1.1.6.7\Q-RAU\1572.
6) Karl Babor, * 23.8.1918 in Wien; † 21.1.1964 bei Addis Abeba, SS-Lagerarzt in Allach, SS-Hauptsturmführer (1944).
7) Von 84 nach Dachau wegen TBC-Verdacht überstellten KZ-Häftlingen waren 42 Russen. Vgl. ITS 1.1.6.1\0189A-0352\0244\0014 f.
8) Vgl. Michael Rauch, KZGSD Archiv 5639, Seite 1 ff.
9) Wann genau die Entscheidung zum Bau eines eigenen Kranken- und Quantänenlagers erfolgte, konnte bisher nicht ermittelt werden. Diese dürfte vermutlich unter dem Eindruck der Typhusepedemie bereits im Sommer 1943 gefallen sein. Nach den Unterlagen der Lokalbaukommission München hatte die Firma Eckardt im Auftrag von BMW am 23. November 1943 mit den Installationsarbeiten zu Wasser und Abwasser begonnen.
10) K. A. Gross, Fünf Minuten vor Zwölf: Des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen; Dachauer Tagebücher des Häftlings-Nr. 16921, S. 131 - 147.
11) Stanislaw Zamecnik, Das war Dachau, S. 327.
12) Vgl. Nicolaus Hoffmann, S. 152.
13) Zamecnik, ebd., S. 327 f. Vgl. dazu auch Riviere, Marcel-G., Das Ende eines Lagers wie alle anderen, KZGSD Archiv 16401.
14) Vgl. dazu: Ärztekommission zur Ausmusterung von Häftlingen zur „Sonderbehandlung nach 14 f 13“ in Dachau: ITS 1.1.6.0/0060/0046. Vgl. dazu auch Zamecnik, S. 328. Die Zahl 14 stand dabei für den Inspekteur der Konzentrationslager, der Buchstabe f für Todesgälle und die Zahl 13 für die Todesart. In diesem Falle durch Gas. Die Exekution sowjetischer Kriegsgefangener war mit 14f14 gekennzeichnet. „Sonderbehandlung“ war der übliche Begriff für Tötung.
15) SDG = Sanitätsdienstgrad
16) Véran Cambon de Lavalette, * 18.2.1923 in Ile de Sorgue, # 101763. Sch, Franzose. Kam am 6.9.1944 von Natzweiler über Dachau nach Allach. Vgl. ITS 1.1.6.7\BURGET-CD\0879.
17) Claude Barbin, * 23.8.1903 in Le Chateau, # 78126, Arzt, Sch, verh., 2 Kinder, Franzose. Vgl. ITS\1.1.6.7\BAI-BARRD\1274.
18) Francois Berriot, La France Libre, La Résistance et la Deporte (Hérault, zone sud), Témoignages, Paris: Harmattan, 2010. S. 341.
19) Vgl. Riviere, Das Ende eines Lagers wie alle anderen, S. 15. Er schreibt: „Es sind so viele, dass die Bettstellen in 2 oder 3 Etagen aufgebaut werden (mit 2 Kranken auf einer dünnen Matratze). Es sind immer mehr Tote. Sofort nach ihrem letzten Atemzug werden sie weggebracht. Es muss Platz geschaffen werden.“
20) Vgl. Aussage von Ernest Landau vom 29.6.1945 in Feldafing. KZGSD Archiv 42578.

nach oben